Seit unvorstellbar langer Zeit liebten sie einander, der Sonnenmann und die Mondfrau. Sie waren weit, weit von einander entfernt, ein schier unendliches Firmament spannte sich zwischen ihnen. Die leere Stille darin schien zu rufen, zu flehen, sie mögen doch zueinander kommen. Unzählige Himmelskörper zogen ihre Bahnen zwischen den beiden, leuchteten kurz auf und verblassten wieder. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, ein Geborenwerden und Entschwinden. Nur eines blieb immer, immer gleich, und das war die tiefe Zuneigung, die den Sonnenmann und die Mondfrau miteinander verband. Über die große Distanz hinweg liebten sie einander, denn für jeden von ihnen war der andere das, was er selbst niemals würde sein können. Beide verkörperten füreinander die Welten, in die es für sie selbst keinen Einlass gab, es sei denn, sie löschten sich selber dabei aus. Vielleicht lag gerade darin das große Geheimnis um die Kraft ihrer Liebe. Es gab keine Möglichkeit, zu einander zu kommen, aber es schien ebenso unmöglich, von dem Traum der Vereinigung abzulassen.

Der Sonnenmann war der Herrscher der Tage, der Meister des Lichts und des Feuers. Er spendete jenes heiß glühende Feuer, welches alles verzehrt, wenn man ihm zu nahe kommt. Diese Flammen brachten den Tod und die Wiedergeburt, und sie erfüllten alles Leben mit der goldwarmen Kraft, die der ewigen Quelle entspringt. Wenn der Sonnenmann sich streckte und lachend seine gleißenden Strahlen über alles hinwegsandte, wurde es hell. So hell, dass man ihn besser nicht direkt anblickte, denn die Schönheit des Sonnenmannes konnte blenden. Er liebte den Tag, das unendliche Blau des Himmels und die Regsamkeit alles Lebendigen. Er floss schier über vor Energie und konnte nicht anders als immerzu von der Fülle zu schenken, die ihm innewohnte. Es gab nichts, das in der Gegenwart des Sonnenmannes unerhellt blieb. Nichts und niemand konnte sich vor dem Licht seiner Wahrheit verstecken, denn es drang gnadenlos in die finstersten Winkel allen Lebens vor. Dort entlarvte es das Dunkle und Geheimnisvolle, es musste weichen oder sich dem Licht öffnen. Es musste sein Geheimnis preisgeben oder vergehen. Der Sonnenmann liebte die Klarheit, und sein Herz war erfüllt von Reinheit und Wärme.

the-night-of-the-196431Die, der sein Herz gehörte, war die Gebieterin über die Dunkelheit und die Nacht. Alles, worüber die Mondfrau mit kühlen Händen sanft hinwegstrich, versank in den Schatten, um zu ruhen und sich zu regenerieren. Sie liebte die Finsternis und alles Leben, das sich darin wand und im Obskuren hauste. Die Mondfrau war die Meisterin der Schleier, und nichts Wahres und Helles konnte sich ihr nähern, ohne verhangen und verdunkelt zu werden und dem Geheimnisvollen anheimzufallen. Auch sie hatte ein Feuer, das sie belebte und von dem sie zehrte, doch es waren kalte, bläulichweiße Flammen, die in ihr züngelten. Dieses Feuer wärmte nicht, und es spendete nur soviel Helligkeit, wie zur Orientierung nötig war, ohne der Nacht ihre Geheimnisse zu entreißen. Es beließ das Dunkle im Dunklen und hüllte das Verborgene ein wie ein schützender Mantel. Die Kreaturen der Finsternis sammelten sich hungrig um das kalte Feuer und labten sich daran. Danach entschwanden sie wieder in die Schatten. Die Mondfrau ruhte sanft in ihrem kühlen Licht und versorgte alles Leben mit der Kraft, die aus dem Inneren kommt und dem Dunklen entspringt. Sie liebte die samtige, schwarze Tiefe des Firmaments und das eisige Funkeln der Sterne. Nichts und niemand hätte sie dazu bewegen können, sich dem warmen Licht des Wahren zu öffnen und ihre verborgenen Kräfte der Helligkeit preiszugeben. Und doch stand ihrem Herzen nichts näher als ihr Geliebter, der Sonnenmann, und nichts erfüllte ihre Seele mit größerer Sehnsucht als sein Anblick.

Der Sonnenmann und die Mondfrau setzten alles daran, einander zu gewinnen. Sie dachten sich die erstaunlichsten Dinge aus, um den anderen zum Näherkommen zu bewegen. Brennenden Herzens – das eine kalt, das andere heiß – legte einer dem anderen die herrlichsten Geschenke aus seiner Welt zu Füßen und versuchte unermüdlich, ihn zu betören. Die Mondfrau sandte Kometenschwärme zum Sonnenmann aus, und diese formten mit ihren Schweifen die wunderschönsten Liebesworte in den Himmel. Sie ließ die Nordlichter für ihn tanzen, denn sie wusste, wie sehr der Sonnenmann die Farben liebte. Sie probierte selbst mithilfe der gigantischen schwarzen Löcher, seine Aufmerksamkeit zu erregen, denn sie hoffte, er würde neugierig werden und sich ihnen nähern. Hoffte, er würde sich weit genug heranwagen, um sich in den dunklen Wirbeln zu verfangen und dann für immer ihr zu gehören. Die Mondfrau erschuf neue Sternbilder am Nachthimmel, die sie ihrem Geliebten widmete. Sie sollten dem Sonnenmann durch ihre kunstvolle Anordnung eine geheime Botschaft übermitteln und ihm von ihrer tiefen Zuneigung erzählen. In ihrer Liebesnot sandte die Mondfrau ihm einmal sogar einen riesigen brennenden Meteoriten vorbei, der jedoch mit ihrem Liebsten kollidierte und einen großen Sonnenflecken auf dessen prächtigem Gewand hinterließ.

sunrise-171812Doch auch die Phantasie des Sonnenmannes kannte keine Grenzen, und er scheute keine Mühen, um seiner Liebsten zu gefallen. Er sammelte die kostbaren letzten Tropfen des Abendgoldes in einem silbernen Kelch und machte ihn der Mondfrau zum Geschenk. Er ließ zarte Schals aus Morgenröte weben und ihr überbringen, weil er um ihre Schwäche für alles Schleierhafte wusste. Und einmal ließ er buntes Weltallgestein aus fernen Galaxien zu einem köstlichen Geschmeide anfertigen und ihr zu Füßen legen. Er hätte alles, alles dafür gegeben, sich der Mondfrau einmal nähern, sie einmal mit seiner strahlenden Wärme umfangen zu können. Und die Mondfrau sehnte sich nach nichts so sehr wie den Sonnenmann nur ein einziges Mal in ihr dunkles Schattenreich entführen und sich ihm unter dem mitternachtsblauen Baldachin ihres Schlafgemachs  hingeben zu können.

Als der Große Geist nun sah, wie sehr sich der Sonnenmann und die Mondfrau nacheinander verzehrten, hatte er ein Einsehen. Er beschloss, ihnen den größten ihrer Wünsche zu erfüllen und sie für eine einzige Sternstunde zusammenkommen zu lassen. Konnte er es ihnen auch nicht ermöglichen, sich auf ewig zu verbinden, denn alles im Universum muss seiner ureigensten Bestimmung folgen, so sollten sie doch wenigstens einmal zueinander finden können. Dazu stellte er ihnen eine Aufgabe. Sie sollten die Flammen ihrer beider Feuer für einen winzigen Moment einander angleichen. Der Sonnenmann musste es schaffen, die Hitze seines Leuchtfeuers ein wenig zu zügeln und herunterzukühlen. Und gleichzeitig musste die Mondfrau ihr weißkaltes Feuer ein kleines bisschen erwärmen und zart warmgold färben. Auf diese Weise würden sich Mondfrau und Sonnenmann für die Dauer einer Sternstunde nahe sein können, ohne aneinander Schaden zu nehmen.

Die beiden Liebenden wussten, es würde nur eine Begegnung für den Moment sein, und sie würden danach den Rest ihres Daseins voneinander getrennt verbringen müssen. Ihnen war bewusst, sie hatten nur diese eine Sternstunde, um dem anderen all das zu geben, was sie ihm seit Unzeiten aus den Tiefen der Seele zu schenken wünschten. Und weil ihre Herzen überquollen vor Liebe zueinander und sie bereit waren, ein kleines Stück ihrer eigenen Natur dafür preiszugeben, fanden sie sich zu vereinbarter Zeit am vereinbarten Ort ein, um den Schritt zu wagen und einander gegenüberzutreten.

landscape-790644_1280Als der Sonnenmann die Kraft seiner gelben Flammen zügelte, begann er ein klein wenig zu frieren, ein kalter Hauch legte sich auf ihn und alles in seiner Umgebung. Doch die Mondfrau ließ ihr Licht nun wärmer strahlen, und durch den leichten Goldschatten, der im Herzen ihrer Flamme sichtbar wurde, begannen die Kälteschauer des Sonnenmannes nachzulassen und zu schwinden. In diesem Moment fanden sie zueinander, der Sonnenmann und die Mondfrau, und konnten in unendlicher Glückseligkeit miteinander verschmelzen.

Als es vorbei war, löste der eine sich langsam wieder vom anderen. Sie hielten sich  im Auseinanderdriften noch so lange es ging an den Händen, um zuletzt auch ihre ineinander verwobenen Strahlen wieder zu entflechten. Den anderen nicht aus den Augen lassend, winkten sie sich zum Abschied zu und versprachen einander ewige Liebe. An der Stelle aber, wo sie sich gefunden hatten, genau mitten zwischen ihnen, war ein neuer Planet geboren. Er war die Frucht ihrer liebevollen Begegnung und der übergroßen Hingabe, mit der sie von einander gekostet hatten. Und er war das Geschenk des Großen Geistes an seine beiden Hüter des Lichts und der Dunkelheit. Ihr Kind, das sie nun gemeinsam aus der Entfernung umsorgen konnten.

Der neugeborene weißblaue Planet drehte sich um sich selbst und freute sich seines Daseins. Er war glücklich, geboren zu sein und in sich alle Gegensätze vereinen und fühlen zu können, die Sonnenmann und Mondfrau ihm verliehen hatten. Dunkel und hell, kalt und warm, gut und böse, all das durfte er sein, denn er wusste sich geborgen und eingebettet in die vollkommene Unendlichkeit des Universums.

 

„Sonnenmann und Mondfrau“

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Feuer, Erde, Wind & Meer

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