Ich stehe an der Reling und winke dir zu. Die Taue sind gespannt und wir alle wissen: Es ist soweit.

Fremd liegt mir der Geschmack der salzigen Luft auf der Zunge und ich möchte sie mit dir trinken, gläserweise.

Meine Augen suchen dich dort unten und unsere Blicke halten einander fest wie die Taue das Schiff. Spannung kitzelt über meine Haut. Weit fort geht die Reise, von der wir nicht wiederkehren werden.

Alles habe ich zurückgelassen und vergessen. Nicht mal an meinen Namen kann ich mich erinnern.  Mein Blick wendet sich schon dem offenen Meer zu, dann dem Horizont. Wer weiß, wie lange wir fahren werden bis zum Ziel der Reise, das keiner von uns kennt.

Und doch haben wir uns hier alle eingefunden, an diesem Tag, zu dieser Stunde, in diesem Moment, ohne zu wissen, was Zeit überhaupt ist.

Ich wende ich mich wieder um, suche deinen Blick in der Menge und finde ihn nicht. Du bist fort.

Ein Vibrieren geht durch den Schiffskörper, ein Raunen durch die Menge.

Dem Schiffskonstrukt entringt sich ein Ächzen, als könne es sich nicht mehr länger halten, hier an Land. Als spürte es, dass es Zeit ist zu sterben und sich neu zu gebären, so wie wir alle es spüren.

Ein letztes Mal durchkämmt mein Blick die Menge am Kai. Wo bist du?

Ich blicke in die Runde und in jedes einzelne Augenpaar. Sie sind alle hier, wir sind vollzählig. Und da streift mich eine letzte Erinnerung an die Wege, die wir zurückgelegt haben. Sie sind gesäumt von den bunten Fragmenten unserer Leben. Masken, Mäntel, Namen und Schatten, achtlos fallen gelassen und weitergegangen. Nackt stehen wir hier an Deck, hüllenlos und leer.

Und auf den Lippen führen wir Frage und Antwort zugleich, um schließlich auch sie zurückzulassen und mit einer Kusshand abzustreifen, zum Abschied.

Irgendwo der Klang von berstendem Kristall, und meine Augen tasten sich wieder den Kai entlang, suchend, sehen die gelösten Taue.

Da spüre ich deine Gegenwart.

Ich drehe mich um, blicke in deine lachenden Augen und dann aufs Meer hinaus, wo die Reise beginnt und gleichzeitig endet. Wo gestern, heute und morgen eins sind, weil wir wissen: Es ist soweit.blind_20

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