Wenn du nachts schläfst und deine Gesichtszüge sich entspannen,

weil endlich alle Masken fallen dürfen,

wenn dein Atem tief und frei wird und du für ein paar Stunden in das Land gehst,

in dem du dir selbst begegnest, so wie du wirklich bist,

dann sitze ich an deiner Seite und betrachte dein Antlitz.

 

Und wenn ich meine Hand sanft auf deine Stirn lege,

dann erinnerst du dich an mich.

Du begegnest mir in den Schemen deiner Träume,

und ich zeige deinen schlafenden Augen das, was du am Tag nicht sehen kannst.

Oder willst du nicht?

 

Jede Nacht kehre ich wieder und flüstere dir das Losungswort in deine offenen Ohren,

denn in deinen Träumen verschließt du sie nicht vor mir.

Oh, wie oft haben wir schon miteinander gelacht und geweint, weißt du nicht mehr?

Über die Banalität deines Lebens und den tiefen Schmerz, der in deinem Innersten ruht.

In seiner Klarheit weist er dir den Weg zu deinem Ziel,

doch wenn du wach bist, erträgst du ihn nicht und siehst weg.

 

Wenn ich nachts bei dir bin und sanft deine Hand halte,

dann blickst du diesen Schmerz geradewegs an und scheust nicht zurück.

Er legt seinen dunkelblauen Mantel um dich, und du lässt es zu,

lehnst sanft den Kopf an seine Schulter und gibst dich ihm hin.

Und du weißt wieder, warum du hierhergekommen bist.

 

Du stellst mir deine Frage, Nacht für Nacht, immer wieder dieselbe.

Und jede Nacht beantworte ich sie dir aufs Neue,

auch wenn ich weiß, dass du meine Antwort wieder vergessen haben wirst,

sobald du deinen ersten Morgenatemzug tust.

Dann stehst du auf

und streichst die Ahnung meiner nächtlichen Berührung von deiner Stirn,

ziehst deine Masken über dein Gesicht und tust alles,

um diesen tiefen Schmerz zu vermeiden, der dich an das erinnert,

was du wirklich bist.

 

Doch auch am Tag bin ich um dich und sehe mit deinen Augen,

spüre mit deinem Herzen.

Ich tue jeden Atemzug mit dir in der Hoffnung, dass du mich fühlen kannst.

Ich führe deine Hand und lenke deine Augen auf diese Zeilen,

damit der Tag kommt, an dem du dich an mich erinnerst

und mir Einlass gewährst in dein Leben.

 

Dann trete ich heraus aus dem Schatten und zu dir in den Lichtkegel.

Du atmest auf, deine Schultern entspannen sich,

dein Blick wird klar, und Ruhe kehrt in deinen Geist ein.

Der Schmerz der Vermeidung verliert sich sanft,

und der dabei entstehende Raum füllt sich mit allem,

was DU bist.

 

Feuer Erde Wind & Meer

aus dem Buch

Feuer, Erde, Wind & Meer

Literarische Impulse für Sinn & Seele

von Andrea Maier

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