Die Arbeit mit Theresa Hültners Malereien aus dem Traumbilderzyklus war für mich eine neue, enorm inspirierende Art und Weise, mich künstlerisch auszudrücken. Ich empfand es als ein Geschenk, mich in diesen magischen Bilderwelten bewegen und erspüren zu dürfen, was sie mir alles zu erzählen hatten. Dabei war mir zu jedem Zeitpunkt bewusst, dass alles, was ich nun schreiben würde, meiner ganz persönlichen, individuellen Sicht entspringt. Es ging mir niemals darum, „die“ Bedeutung eines Bildes zu entschlüsseln. Nicht einmal ihre Erschafferin selbst kann und will die unzähligen Fragen beantworten, die ihr zu der Bedeutung ihrer Bilder oft gestellt werden. Für uns steht fest, jeder Betrachter blickt durch seine eigene Brille auf ein Gemälde und wird jenes darin entdecken, was seiner persönlichen Sicht, seinen Erfahrungen und seinem Gefühl entspricht. Und all die dabei entstehenden „Deutungen“ sind in Folge gut und richtig – richtig in einem ganz individuellen Sinne.

Theresas Bilder bewegten mich also einerseits dazu, Texte zu schreiben, in denen Inhalte aus meinem Bewusstsein verarbeitet werden. Diese Bilder zogen aber auch Speicherungen aus meinem Unbewussten hervor und ließen sie mich noch einmal durchfühlen. Und schließlich zu etwas verarbeiten, das auch andere Menschen auf der Gefühlsebene ansprechen sollte. Ich persönlich gehe immer davon aus, dass Kunst etwas im Betrachter anregt, das für ihn mittels der Ratio meist gar nicht wirklich greifbar ist. Für mich ist das ein ganz natürlicher Vorgang und eine der wichtigsten Antworten auf die Frage, welche Bedeutung Kunst für den Menschen hat.

An dieser Stelle nun möchte ich von meiner intimsten Erfahrung mit Theresa Hültners Bildern erzählen. Und damit die tiefgehende, kraftvolle Wirkung beschreiben, die Malerei auf den Betrachter mitunter haben kann.

Die Reise nach innen beginnt

Ich weiß es noch wie heute, als ich an jenem Tag in Theresas Atelier saß, um ihre neuesten Bilder zu begutachten. Als sie dieses eine hervorholte und auf die Staffelei stellte, begeisterte mich im allerersten Moment die wunderschöne Farbkomposition. Dann betrachtete ich die dargestellten Figuren und Formen, ihre Haltung und die Art, wie sie sich einander zuwandten. Es waren nur Silhouetten, die hier abgebildet waren, und dennoch sprach so viel aus diesen beiden Schatten. Etwas wie Melancholie ergriff in diesem Moment Besitz von mir, und innerhalb weniger Augenblicke war mir klar, um welches Thema es hier ging. Es war die Mutter. Die Kraft, mit der mich dieses Bild in mein Mutterthema hineinkatapultierte, ging so weit, dass ich in einer der beiden Figuren sogar die Silhouette meiner Mutter wiederzuerkennen glaubte. Unfassbar, wie sie ihr ähnelte!

Theresa kam eben aus einem anderen Raum zurück, von wo sie etwas geholt hatte. Sie hatte mich nur ein paar Momente lang allein gelassen, und als sie nun durch die Tür trat, sagte ich zu ihr: „Theresa, das ist ein Mutterbild!“ Ich konnte nur weiter auf dieses Bild starren, Tränen standen mir in den Augen. Ich fühlte auf einmal so viel Traurigkeit. Theresa sagte nichts. Sie sah wohl genau, was das Bild mit mir gemacht hatte, denn derlei Wirkung auf Betrachter ihrer Malereien kannte sie bereits. Sie umarmte mich kurz, drückte mir einen Kuss auf die Wange und sagte zu mir: „Ich schenke dir das Bild. Zum Dank für die viele Arbeit, die du für mich gemacht hast.“  Nun war ich sprachlos.

Der Text wird geboren

In der darauffolgenden Zeit entstand der Text Deine Farben, Mutter, der mit dem dazugehörigen Bild auch in unser Buch Mondlichtzimmer aufgenommen wurde. Ich brauchte nicht lange dafür, die Worte flossen mir förmlich aus den Fingern hinein in die Tastatur. Da war noch immer so viel Schmerz um meine Mutter, obwohl sie schon seit neun Jahren tot war. Schmerz über ihren Verlust und die schwierige Beziehung, die wir zu einander gehabt hatten. Als Kind liebte ich meine Mutter abgöttisch. Und sie liebte mich ebenso, wenn auch auf ihre eigene, besitzergreifende Art, die auch körperliche Gewalt nicht ausschloss. Der Weg ins Erwachsenenalter und in meine innere und äußere Unabhängigkeit von ihr war von dementsprechend schweren Konflikten gekennzeichnet gewesen. Ich musste irgendwann wählen: ihr Wohlwollen gegen meine Freiheit. Und entschied mich für letzteres, auch wenn es mir in gewisser Weise das Herz brach.

Nun hatte ich diese Zeilen geschrieben wie einen letzten Gruß an sie. Zeilen, in denen sich Wahrhaftigkeit, Trauer, aber auch das große Glück spiegelten, dass unser Abschied dennoch ein guter gewesen war. Ganz zum Schluss, als ich schon nicht mehr daran glaubte, hatten die Dinge eine andere Wendung genommen, und es wurde mir möglich, meine Mutter in Frieden hinüber zu begleiten und zu verabschieden. Es war also trotz allem Schmerz ein wohlwollendes, gütliches Resümee, das ich mit diesem Text ziehen konnte. Ich war sehr zufrieden damit und glaubte die Arbeit mit diesem Bild nun beendet zu haben. Doch ich sollte mich täuschen.

Zeit für Aufarbeitung und Heilung

Denn in den darauffolgenden Wochen lief mein persönlicher Verarbeitungsprozess weiter. Ich las den Text noch viele Male, und jedes Mal  musste ich weinen, noch bevor ich ihn zu Ende gelesen hatte. Es war manchmal wie verhext. Wieder und wieder versuchte ich, den Text zu lesen und dabei neutral  zu bleiben, aber es gelang mir nicht. Ich machte irgendwann ein Experiment daraus und setzte mich in besonders guter Stimmung an meinen PC, öffnete die Worddatei und las. Spätestens in der zweiten Hälfte des Textes liefen mir wieder die Tränen über die Wangen. Ich begann zu begreifen, wie viel von diesem Schmerz um meine Mutter, um meine schwierige Kindheit und Jugend ich noch gar nicht verarbeitet hatte. Er hatte in den Tiefen meines Unbewussten auf seinen Trigger gewartet, um in Form dieser vielen Tränen endlich abfließen zu können. Und dieser Trigger war Theresas Bild.

Während all dieser Zeit hing das Mutterbild an der Wand direkt neben meinem Bett. Und genau in dieser Phase hatte ich einmal einen sehr realistischen Traum. Ich sah meine Mutter durch meine Zimmertür kommen und sich auf mein Bett setzen. Ihr Besuch freute mich, ich hielt ihre Hand und wir sprachen miteinander. Es war einer dieser wenigen Träume in meinem Leben, die sich wie reale Begegnungen anfühlten.

Etwas Neues entsteht

Nach etlichen Wochen, es mögen auch ein paar Monate gewesen sein, versiegten die Tränen schließlich. Heute lese ich diesen Text und freue mich über die Liebe und den Frieden, die aus ihm sprechen. Theresas Bild hängt nun nicht mehr an der Wand neben meinem Bett. Vor kurzem hatte ich das Bedürfnis, ihm einen anderen, wunderschönen Platz in unserem Haus zu schenken. Der leere, frei gewordene Raum an der Wand fühlte sich großartig an! Ich spürte, ich hatte etwas abgeschlossen und nun war es Zeit für etwas Neues. Theresas Bild hatte seinen Dienst getan.

Warme Gedanken

An der Wand neben meinem Bett hängt nun eine meiner eigenen Kreidezeichnungen. Eine Komposition aus sanften, warmen Gelb-, Ocker- und Orangetönen, die sich in einem strahlenden Flammensymbol über das Blatt winden.

Meine eigenen Farben.

Herzlichst,
Andrea Eleonora Maier
WortMalerin

Hier gibt’s Infos zum Buch: Mondlichtzimmer

Titelbild: Christoph Daab