Das Leben ist Transformation

Still ruhte der kleine Fels in seinem Bett aus Staub und Erde. Die Sonne heizte ihn auf, der Regen wusch ihn ab und der Wind trocknete ihn. Die Kälte von Schnee und Frost ging dem Felsen durch und durch, aber nach einer gewissen Zeit sie ließ immer wieder von ihm ab. „Ich bin Fels“, dachte der kleine Fels.

Irgendwann bemerkte er das Wasser. Zuerst waren es Tropfen, die sich vor ihm in einer Erdkuhle sammelten. Sie kamen von einem Ort weiter oben, suchten sich ihren Weg durch die Rinne, in der der Fels lag. Das Wasser wurde immer mehr und staute sich vor dem Fels, befeuchtete ihn sacht am Fuß. Der Fels spürte, wie eisig kalt dieses Wasser war, das ging ihm durch Mark und Bein. Es war ein anderes Wasser als das, welches er bisher gewohnt war. Der Regen war weich und warm im Vergleich zu diesem Wasser. Er liebte den Regen.

„Woher kommst du?“ fragte der Fels das neue Wasser.

„Aus dem Eis“, antwortete dieses.

Der Fels fror, und so beschloss er, das Wasser zu lieben. Er breitete seine Arme aus und hieß es willkommen.

Doch das Wasser stieg weiter, und irgendwann begann es am Fels vorbeizurinnen. Für den Felsen fühlte sich das an, als ob das Wasser ihn an den Rippen kitzelte. Dann stieg es noch weiter an, um den Felsen schließlich ganz zu überspülen. Kurz bevor er in der Flut versank, nahm der Fels Abschied von seiner Gefährtin, der Luft, die ihn bisher allein umspült hatte. Er dankte ihr und sagte Lebewohl. „Von nun an bin ich Fels im Wasser“, dachte er.

Das Wasser schwoll an und wurde zum Wildbach. Sachte begann das Wasser den Fels anzustoßen. Dieser wusste nicht, wie ihm geschah.

„Was machst du mit mir?“ fragte er das Wasser.

„Ich bewege dich“, antwortete es ihm.

Der Fels beschloss, sich der Bewegung zu überlassen, er stemmte sich nicht dagegen.

„Ich werde bewegt“, dachte er nur. (…)

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Wie es mit “Fluss und Fels”
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Feuer, Erde, Wind & Meer

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