„Poseidons Umarmung“ war eine der ersten Geschichten aus dem Feuer, Erde, Wind & Meer Zyklus. Sie entstand im Jahr 2011, lange vor den großen Ereignissen der nachfolgenden Jahre. Manchmal habe ich mich später gefragt, was mich hier wohl inspiriert hat.

Es waren die Jahre, in denen ich nachts häufig von Wasserfluten träumte. Ich habe die Geschichte aufgrund der Ähnlichkeit mit den globalen Ereignissen nur selten geteilt. Heute präsentiere ich sie hier nochmals und wünsche allen ein entspanntes Wochenende!

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Die Nacht, in der das Schiff auf hoher See kenterte und versank, war schwarz und wütend gewesen. Die Menschen an Bord hatten ihr Letztes gegeben und sich mit vereinten Kräften gegen den Sturm gestellt, jedoch vergeblich. Das Meer hatte sich ihr Schiff geholt und ihnen gnädigerweise das nackte Leben gelassen.So trieben sie nun dahin, an ein großes Stück Holz geklammert, und sahen, wie der Himmel erwachte und sich mit verheißungsvoller Röte überzog.

Erschöpft, am Ende ihrer Kräfte, krallten sie sich in das Holz und beteten. Einige von ihnen wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben. Und verstohlen beobachteten sie einander. Wer von ihnen würde als erster ein Zeichen der Resignation zeigen? Jedem von ihnen war wohl bewusst, dass es galt, Haltung zu bewahren. Auch, um die anderen nicht zu entmutigen und somit keine Kettenreaktion der Verzweiflung auszulösen. Denn diese hätte auch vor ihnen selbst nicht Halt gemacht. Und so war die Kraft der anderen die eines jeden Einzelnen.

Rings um sie nichts als das silbrige Wasser. Leicht wogende Wellen, verspielt geradezu, wie Kinder über dem gähnenden Abgrund der Untiefen. Einen salzigen Geschmack im Mund, verdrängten die Schiffbrüchigen jeden Gedanken daran, wie unendlich schwarz und kalt, wie tief das Meer unter ihnen war. Noch gelang es ihnen.

Sie waren aufgebrochen um des Abenteuers Willen, und sie ließen ihr bisheriges Leben leichten Herzens und tatenhungrig hinter sich. Dort draußen wartete etwas Neues, Wildes, Unbeschreibliches. Grenzenlose Freiheit und unermesslicher Reichtum. Die schillernden Farben einer neuen Welt, Ruhm und Glück. Vielleicht auch die größte aller Lieben. In jedem Fall all das, worum sie bisher erfolglos gekämpft und wonach ihre Seelen doch immer gelechzt hatten. Sie brannten darauf, ihre unverschämtesten Träume Wirklichkeit werden zu lassen und alle Tabus zu brechen. Und sie waren fest entschlossen, ihrem Leben den Stempel des Triumphes aufzudrücken. Niemals würden sie zurückkehren, hatten sie sich und einander geschworen, und wenn, dann als die Herren der Welt.

st-petersburg-russia-97330Der Hunger ihrer Seelen trieb sie durch viele, viele Länder, und nirgends verweilten sie länger als wenige Wochen. Das Glück zeigte sich ihnen in den verschiedensten Gestalten, doch meist als lockende Fata Morgana. Dann hieß es weiterziehen, und die Suche begann von Neuem. Ohne mit der Wimper zu zucken brachen sie Tabus, Herzen und auch ein paar Gesetze. Es war wie ein verzehrendes Feuer im Inneren jedes einzelnen von ihnen, das unermüdlich brannte und durch nichts zu löschen war. Stets trieb es sie weiter voran, und seine unerträgliche Hitze konnte nur durch den kühlenden Fahrtwind der Reise etwas gemildert werden. Wenn auch nur vorübergehend.

Sie blieben immer beisammen, und ihre eingeschworene Gemeinschaft vermochte nichts zu sprengen. Sie brauchten einander und verließen sich stets auf die Stärke ihrer Gruppe. Da war etwas wie ein heiliger Ring, geschweißt im Feuer der Leidenschaften, der sich durch ihre Seelen zog und alle aneinander band. Der Schwur, den sie geleistet hatten, bescherte ihnen neben der gemeinsamen Kraft auch das Band der Unzertrennlichkeit. Je länger sie beisammen waren und die Welt bereisten, je größer die Anzahl ihrer Taten und Untaten, desto weniger konnte sich der Einzelne diesem Band entziehen. Und immer mehr verlor der Traum des Einzelnen an Bedeutung. Es galt mehr und mehr, den Hunger der kollektiven Seele zu stillen. Hätte man sie nun, jeden für sich, befragt, was ihn einst zum Aufbruch bewogen hatte, wonach er auf der Suche war, so mancher von ihnen hätte lange nach der Antwort gesucht. Und der eine oder andere wäre sie sogar schuldig geblieben.

Über die Jahre füllte sich das Buch ihres Lebens zusehends, und noch immer war kein Ziel der Reise zu erkennen. Gab es dieses Ziel überhaupt? Im Stillen, ganz für sich, begann der eine oder andere, sich Gedanken zu machen. Da und dort meldeten sich Zweifel am Sinn des gemeinsamen Unterfangens, und wenn auch keine Zweifel, dann doch zumindest ein schaler Beigeschmack. Gewiss waren dies nur kurze Momente, schwache Anflüge einer Ahnung, vorbei ehe zu Ende gedacht. Und doch reifte hier langsam, sehr langsam eine keimende Saat. Denn das verzehrende Feuer, das sie antrieb, hatte begonnen, ihnen an Lebenskraft zu rauben. Die schillernden Farben der neuen Welt begannen an Leuchtkraft zu verlieren und zu verblassen. Und selbst die Kraft der Gruppenseele konnte dies langsam nicht mehr wettmachen.

Nun war die Zeit reif. Sobald sie in See gestochen und sich in meinen Machtbereich begeben hatten, waren sie mir ausgeliefert sowie dem, das der Plan für sie vorsah. Es gab kein Zurück für sie, und nichts würde mehr sein wie es war. Wie es stattdessen sein würde, das sollte sich nun herausstellen, denn für die Feinheiten des Planes war ich zuständig. Und so nahm ich sie in meine Arme und wiegte sie sanft. Sie sollten Zeit haben, sich einzustimmen auf unseren Tanz. Ihre Seelen sollten sich langsam auftun können für die klärenden Kräfte meines Elementes. Und das taten sie.

lanzarote-201345Schon bald nachdem die Anker gelichtet waren, begann die Seekrankheit um sich zu greifen. Eine Schwäche, der früher keiner von ihnen je erlegen war. Es wurde still an Bord, und die Wildheit der nächtlichen Feiern und Gelage ebbte ab. Die Menschen zogen sich voreinander zurück, denn ihre Körper bedurften der Ruhe und ihre Seelen der Innenschau. Freilich begriff keiner von ihnen, was hier vor sich ging. Aber das war auch nicht nötig. Wir suchten sie heim, denn ohne dass es ihnen bewusst war, hatten ihre Seelen dem, was bevorstand, schon lange zugestimmt.

Der Mensch hört es nicht mehr, wenn seine Seele nach uns ruft. Er spürt nur, dass es einer Veränderung bedarf. Er sehnt sich nach Erneuerung. Viele suchen dann unser Element auf, um Heilung und Erleichterung zu finden. Sie folgen dem Ruf des Wassers in ihren Zellen. Denn dieses ist es, das sich wieder mit uns verbinden will, weil es in Wirklichkeit immer ein Teil unseres Reiches geblieben ist. Und selbst den leisen Ruf jener, die nicht von allein zu uns kommen, vernehmen wir wohl. Dies sind die Stimmen der Seelen, die nur noch schwach klingen, weil der Körper sie gefangen hält. Und auch ihnen wird Heilung zuteil, wenn es sie danach dürstet.

So bereitete die Seekrankheit unsere Reisenden auf mein Element vor und öffnete ihre Kanäle. Die Säfte, die ihre Körper nun verließen, spülten fort, was ihnen nicht mehr dienlich war. Und so verwunderte es nicht, dass sie zunächst immer kraftloser wurden. Sie begehrten auf und wollten festhalten. Einigen drohte sogar der körperliche Zusammenbruch. Doch die Flammen des zehrenden Feuers verloren zusehends an Kraft, sie züngelten nur noch schwach anstatt zu lodern wie vordem. Die Säuren hatten sich mit dem Wasser vermischt und waren milder geworden. Unsere Arbeit begann Frucht zu tragen.

Als der Tiefpunkt erreicht war, hörte es auf. So unerwartet, wie sie gekommen war, verschwand die Seekrankheit wieder und ließ die Menschen ermattet zurück. Nun schliefen sie, und in ihren Träumen begegneten sie den Gestalten ihrer Seelenlandschaften, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft. Ganz langsam kamen sie wieder zu Kräften. Sie rappelten sich auf und sahen sich um, mit verändertem Blick. Irgendetwas war anders geworden, doch konnten sie es nicht benennen. Sie fühlten sich leicht, und ganz neue, fremdartige Gedanken kamen ihnen in den Sinn. Sie sprachen noch nicht viel, und so konnte sich die heilsame neue Saat weiter manifestieren.

niagara-218591Das klare Wasser, das sie tranken, belebte ihre Zellen und spülte die verbliebenen Überreste mit sich fort. Umsichtig hatten sie für große Wasservorräte gesorgt und konnten sich nun, da sie es so dringend benötigten, sorglos daran laben. Die See war ruhig, und die Sonnenwärme tat ihnen wohl. Es war eine heitere Stille an Bord, eine Stimmung, die nicht in Worte zu fassen war. Des Abends begannen sie zu singen. Ihre Stimmen schallten weit über das Meer, obwohl sie nicht laut sangen. Es war eine ganz besondere Kraft, die ihr Gesang ihnen schenkte, und ihre Herzen wurden leicht. Die letzte Nacht auf dem Schiff war sehr friedvoll und schön, und das brüderliche Band begann ihnen wieder Kraft zu verleihen, wenn auch eine ganz andere, erneuerte Kraft.

Als die Sterne langsam zu verblassen begannen, kam der Sturm auf. Der Kampf um das Schiff dauerte nicht lange, sie wurden hinweggespült wie leere Muscheln. Die entfesselte See spielte mit ihnen ein ungnädiges Spiel, aber sie ließ sie unversehrt. Wir gaben ihnen das Stück Holz, in das sie ihre Finger krallten, und besänftigten die wildgewordenen Mächte des Sturmes. Sie hatten ihre Arbeit getan und wurden wieder entlassen. Als die Wellen sich gelegt hatten, begann der letzte Teil unserer Arbeit. Wir bereiteten sie auf das große Geschenk vor, das für sie vorgesehen war.

Keiner von ihnen sprach ein Wort. Still trieben sie vor sich hin, dann und wann hustete einer. Die Wellen überspülten das Holz sanft und gaben es dann wieder den trocknenden Sonnenstrahlen preis. Die Menschen überließen sich dem sanften Schaukeln, und jeder für sich schien in eine andere Welt abzutauchen. Waren sie hoffnungslos? Angsterfüllt? Eine Zeit lang schien es so. Doch schließlich wurden sie sehr ruhig. Etwas in ihnen fügte sich in den Moment und in die Umstände. Ihre Seelen taten sich auf, und so wie das Salzwasser ihre Körper durchweichte, so erreichte die Kraft der heilenden Kristalle auch ihr Innerstes und erfüllte es mit Klarheit.

Ganz allmählich und langsam drifteten sie hinüber, taten einen Blick auf die andere Seite, jedoch ohne die Besinnung zu verlieren. Es geschah ganz natürlich, und ihnen wurde klar, dass sie nun loslassen würden. Jeglicher Widerstand löste sich auf, trieb mit der Gischt davon. Wir umarmten sie voller Zärtlichkeit, und sie gaben sich uns hin. Die Verkrampfung ihrer Griffe lockerte sich immer mehr, weich und liebevoll umspielten die Wellen ihre Körper. Da schlossen sie lächelnd die Augen. Dem brüderlichen heiligen Ring gleich fassten sie sich an den Händen und überließen das Holz dem Meer. Die Wasser ihrer Seelen flossen ineinander und vereinigten sich mit den Fluten. Und als die kühlen Wellen sanft über ihren Köpfen zusammenschlugen, stießen ihre Füße auf Sandboden. Geklärt und wiedergeboren spülte das Meer sie an den weißen Strand einer neuen Welt.

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Feuer Erde Wind & Meer

aus dem Buch

Feuer, Erde, Wind & Meer

Literarische Impulse für Sinn & Seele

von Andrea Maier

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