Die dunkle Nacht der Seele – Dämmerung der Selbstliebe

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Die dunkle Nacht der Seele – Dämmerung der Selbstliebe

Im Austausch mit den Menschen in meinem Umfeld stelle ich immer wieder mit Erstaunen fest, wie viele von ihnen gerade in den letzten Jahren durch große Krisen gehen und gewaltige persönliche Metamorphosen durchlaufen. Ganze Lebenspläne werden über den Haufen geworfen, Sinnkrisen, Burnouts und Depressionen greifen um sich und lassen manchmal keinen Stein auf dem anderen. Gleichzeitig zeigen Gesellschaft und politisches Welt-geschehen deutliche Anzeichen von Chaos und Zerfall – klare Hinweise darauf, dass etwas Neues am Entstehen ist und sich unter Geburtswehen seinen Weg ans Licht der Welt bahnt. Eine radikale, bewusstseinsverändernde Kraft scheint wie eine Flutwelle über den Planeten zu rollen und alles in Frage zu stellen, woran der Mensch immer geglaubt und festgehalten hat. Was geschieht hier gerade?

Im Laufe der persönlichen Entwicklung geraten viele Menschen in etwas, das Mystiker als die „dunkle Nacht der Seele“ beschrieben haben. Ein Zustand der völligen Verzweiflung und scheinbaren Isolation, der oft gerade dann eintritt, nachdem so mancher Sturm des Lebens schon erfolgreich durchschifft wurde und das Ego seine schärfsten Kanten verloren hat. Kampf und Konflikt weichen tieferen Einsichten in die Mechanismen des Lebens und führen den Menschen in die ruhigeren Gewässer innerer Freiheit und Souveränität. Genau in dieser Phase jedoch kann sie sich vor dem gereiften, bewussten Menschen noch einmal auftun, die dunkle Nacht der Seele, und ihn in ihren lichtlosen Untiefen zu verschlingen drohen.

Dem aufmerksamen Beobachter ist nicht entgangen, dass dieses Phänomen sich derzeit auf einer globalen Ebene vollzieht. Die Welt steckt in einer schweren Depression, und viele von uns sehen sich herausgefordert, ihr Menschsein, ihr Konsumverhalten, ihre Beziehung zum Leben sowie die Spielregeln des ganz großen Monopoly neu zu definieren. Schlüsselbegriffe auf diesem Weg sind unter anderem die echte Selbstliebe (im Gegensatz zum Egoismus) und die Souveränität – letztere sowohl als soziales Einzelwesen im Netzwerk der persönlichen Beziehungen, als auch als Mitglied einer im Wandel befindlichen Gesellschaft, deren Anzahl kritisch denkender und system-non-konformer Individuen täglich steigt.

Sollten die Menschen fähig sein, das alte, auf Konsum ausgerichtete System im Kollektiv zu transformieren und zu ihrer naturgegebenen Souveränität zurückzukehren, wird sich dies zunächst ein paar Ebenen darunter zeigen müssen – in den familiären Beziehungen und Partnerschaften. Wie werden wir zu tatsächlich souveränen (und doch sozialen) Wesen, die ihre Partner und Kinder nicht mehr zum Ausfüllen der eigenen inneren Leere benötigen? Bin ich imstande, meinen Partner nicht mehr nur als die „andere Hälfte“ zu betrachten, sondern als geliebtes, und dennoch komplett autarkes – freies – Wesen, dem ich keinerlei Verant-wortung für mein lebenslanges emotionales und körperliches Wohlergehen übertrage? Ist es uns möglich, Partnerschaften einzugehen, einfach nur um uns aneinander zu erfreuen, und nicht, weil wir einander zu „brauchen“ glauben?

Derzeit werden wir vom Beginn unseres Lebens an zu Konsumenten erzogen, und der Übergang vom abhängigen Kind zum souveränen Erwachsenen findet praktisch nicht statt. An keinem Ort und zu keinem Zeitpunkt wird uns tatsächlich beigebracht, was wir zu tun haben, um uns selbst glücklich zu machen und in unserem Wohlbefinden von äußeren Quellen unabhängig zu sein, die unseren empfundenen Mangel an Liebe und Bestätigung beseitigen sollen. Unsere Eltern konnten es uns nicht beibringen, weil sie selber nicht anders erzogen wurden, und in Kindergarten und Schule beginnt bereits das Konsumenten-, Konkurrenz- und Vergleichstraining. Religionen und Kirche haben bekanntlich auch kein Interesse an Schäfchen, die sich ihres Selbstwertes und ihrer Unschuld bewusst sind. Und das Wichtigste: Keiner lehrt uns, dass wir niemals dauerhaft erfüllende Beziehungen erleben können, solange wir uns selbst nicht genug sind – und eigentlich gar keinen anderen zum Wohlfühlen „brauchen“.

Was ist die Folge dieser Mangel-Illusion, die wir stetig durch das Konsumieren äußerer Quellen kompensieren möchten? Menschen, die ihr Leben lang auf der Suche nach „der besseren Hälfte“, dem „ultimativen Kick“ und dem „großen Glück“ im Außen sind – und auf dieser Suche im schlimmsten Fall irgendwann gnadenlos einbrechen.

Ich bin dafür, in der Schule das Unterrichtsfach „Selbstliebe – wie ich es mache, dass es mir gut geht“ einzuführen. In den höheren Klassen dann „Selbstliebe – ich bin ein Ganzes, und du bist es auch“, und schließlich die wunderbare und so abgrundtief missverstandene Sexualität in ihrer ursprünglich gemeinten Form zu lehren: Als Ausdruck von Harmonie und Freude zweier souveräner Wesen – und eben nicht zur Triebbefriedigung gedacht, über die ein Wohlbefinden erzeugt wird, mit dem sich das Gefühl der Ungeborgenheit für kurze Zeit übertünchen lässt.

Feuer Erde Wind & Meer

aus dem Buch

Feuer, Erde, Wind & Meer

Literarische Impulse für Sinn & Seele

von Andrea Maier

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