Meiner lieben Großmutter zum Abschied

Nun bist du also hinübergegangen.
Hast dein Kleidchen abgestreift und dich auf den Weg gemacht.
Den einen Weg, den wir alle gehen werden, ausnahmslos.
Lange schon hattest du auf diesen Moment gewartet,
die dunkle Liebkosung der Todesvogelschwingen herbeigesehnt.

Wie war dir, als du sie hinter dir ließest, diese Welt?
Blicktest du noch einmal hinab auf dein Leben?
Auf deine unauslöschlichen Spuren
und ihren Abdruck in unseren Herzen?
Wie es für dich wohl aussieht, das Große Spiel,
von der anderen Seite aus betrachtet?

Deiner Generation blieb wenig erspart.
Viel hast du erlebt, getan, gelitten
und auf deine Weise auch geliebt.
Eine Kindheit voll Kälte,
stummmachender Krieg und harte Arbeit,
für Zärtlichkeit nur wenig Raum.

Selbst in meinem Leben noch
spüre ich den Wellenschlag des deinen.
Kein einfaches Erbe, dennoch wertvoll und gut,
um zu begreifen, wie Liebe geht
und was geschieht, wenn es an ihrer Süße mangelt.

Seltsam, ich stelle mir vor,
wie ich selbst einmal hinüberdrifte
von dunklen Schwingen ins Licht getragen.
Aus meinem  Körper gleite wie bei der Geburt,
nur viel sanfter.
Wie etwas in mir reißt gleich einer Harfensaite
und alle Begrenzungen fallen.

Vielleicht sehen wir uns wieder hinter den Schleiern,
lachend und winkend begrüßt du mich dort.
Möglich, dass du ganz anders aussiehst,
und doch werde ich dich erkennen,
wenn wir einander zum ersten Mal so begegnen,
wie wir wirklich sind.

Leb wohl, liebe Seele.
Flieg auf dunklen Schwingen ins Licht,
dorthin, wo alle Kreise sich schließen
und der Wellenschlag deines Lebens friedlich verebbt,
gestillt an den sanften Ufern der Heimat.

Abschied

 

 

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