La Louve die Wölfin

La Louve die Wölfin

In einer fernen, vergessenen Zeit lebte La Louve, die Wölfin in einem dunklen Wald aus uralten Bäumen. La Louve war nicht wirklich eine Wölfin, sie war menschlich, doch sie trug diesen Namen wegen ihres schimmernden, grauen Haars, das ihr in vielen langen Flechten über Rücken und Schultern fiel. Sie reichten ihr bis weit über die Hüften und wurden von langstieligen Blättern zusammengehalten, die um ihre Enden gewunden waren. Keiner konnte sagen, wie alt La Louve war, denn ihr Gesicht war weder jung noch betagt, und auch der weiche Klang ihrer Stimme verriet nichts über das in Jahren gezählte Alter ihrer Besitzerin. Manche glaubten aber, sie sei ebenso alt wie die Bäume dort oder sogar noch älter, und der Wald selber wäre einst aus ihr hervorgegangen.

Die Menschen kamen zu La Louve, wenn sie krank waren und wurden von ihr geheilt. Alle wussten, dass sie seltene Zauberkräfte besaß und die Mächte des Verborgenen zu rufen verstand. Manche behaupteten sogar, La Louve bediene sich der Sprache der Tiere, des Windes und des Donners und zöge sie allesamt zu Rate, wenn es ein Rätsel um eine Krankheit oder eine andere schwerwiegende Frage zu lösen galt.

Doch es gab noch einen anderen Grund, warum La Louve die Wölfin genannt wurde. Denn in den Nächten, in denen der Vollmond sein Silberlicht über den Wald ausgoss und seine magische Kraft durch die Baumspitzen hinunter in die tiefsten Wurzeln schickte, ging La Louve zum höchsten Punkt des autumn-194834Waldes, einer kleinen Lichtung, um dort den Mond anzurufen. Sie tat dies mit der Stimme eines Wolfes, und es war schön und schrecklich zugleich, sie derart singen zu hören.

Während sie ihr Gesicht in den Nachthimmel erhob und ihr Heulen weithin durch den schlafenden Wald schallte, begann La Louve sich zu entkleiden. Dabei entblößte sie ihre von einem feinen silbrigen Haarflaum überzogene Haut, welche das Vollmondleuchten reflektierte. Sodann löste sie langsam und bedächtig ihre Flechten, eine nach der anderen. Ruhig glitten ihre Finger durch ihr silbernes Wolfshaar, und indem sie es löste, schienen die Strähnen immer länger zu werden. Die grauen Flechten an La Louves Kopf wurden immer weniger, und das wallende, silbrige Haar mehr und mehr. Es floss an La Louves Körper und schließlich selbst über die kleine Anhöhe hinab, auf der sie saß.

Wenn sie mit dem Lösen ihres Haars fertig war, verstummte La Louve. Sie stand auf und hängte es Strähne für Strähne in die Äste der umstehenden Bäume, um die Kraft des Mondlichts damit einzufangen. Die kleine lichte Anhöhe sah schließlich aus wie ein gewaltiges Seidennetz, in dessen Mitte La Louve stand und ihr Antlitz dem Silbergestirn zuwandte.

Da begann sie zu singen, und diesmal war es ihre menschliche Stimme, deren sehnsuchts-voller Klang die Nacht erfüllte. La Louve sang ihr Lied zu Ehren der Bewohner des Waldes und rief ihren Hüter an, den Silberwolf. Er antwortete ihr immer, sein Geheul stieg von fern auf zum bleichen Mond, der für einen kurzen Moment eine wölfische Silhouette anzunehmen schien. Dann war es wieder still. La Louve erhob sich, drehte sich einmal um sich selbst, und ihr langes Haar fiel von den Ästen der Bäume herab, wobei einzelne Haare in den Zweigen hängen blieben. Sie drehte sich wieder und wieder und wickelte ihr Haar um sich gleich einer Silberspule. Wenn alles Haar aufgewickelt war, ließ sie sich schließlich zu Boden sinken und fiel in einen tiefen Schlaf.

Bei Tagesanbruch hatte La Louves Haar wieder seine alte Länge, und sie flocht es sorgsam zu neuen Zöpfen. Dann stand sie auf und kehrte zu ihrem Lager zurück. Nur die in den Bäumen verbliebenen Silberhaare, an denen sich die Tautropfen sammelten, erzählten von dem, was in der Nacht geschehen war.

Es soll ihr vom Mondlicht geküsstes Silberhaar gewesen sein, dem La Louve ihre Zauberkraft verdankte, so hieß es. Und so habe sich einmal ein besonders Vorwitziger auf die Lauer gelegt und die Wölfin bei ihrem Vollmondritual beobachten wollen. In dem Moment jedoch, als das Antwortgeheul des Silberwolfes ertönte, soll der Beobachter den Verstand verloren und irr vor Angst aus seinem Versteck geflohen sein. Das zerbrach den Zauber, und La Louve verließ diesen Wald, ohne jemals wiederzukehren. Die Erinnerung an sie war diesem Ort jedoch eingeschrieben, und ihre Kraft lebte in den Bäumen weiter.

Seither zieht La Louve die Wölfin auf geheimen Pfaden durch die Wälder, ohne noch irgendwo länger zu verweilen als eine einzige Nacht. Dort wo sie war, findet man an Vollmond zuweilen ihr magisches Silberhaar, das spinnwebengleich in Zweigen und Blättern hängt, um als funkelnde Tautropfenschnüre das Morgenlicht der Sonne einzufangen.

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