Einmal mehr liegt eine wundersam intensive Zeit am kroatischen Meer hinter mir. Der Einstieg ins Camping erscheint meist chaotisch und mühsam – es fehlt der gewohnte Komfort. Doch dann entspannt sich etwas tief in mir in dieses liebevolle Chaos hinein, wird weich und fließend. Ich höre auf, mich zu schminken und lasse mein Haar von Meerwasser und Wind stylen. Begrüßt werden wir dieses Mal von heftigen Sturmböen, und nach der zweiten Nacht ist eines der Zelte platt. Wir haben es überstanden und das Zelt einfach wieder aufgebaut. In der Sturmnacht, als die Bora sich stundenlang durch die Zeltplane an mich schmiegt, träume ich von schemenhaften Tänzern, die sich mit mir in allen möglichen, die Schwerkraft vernachlässigenden Figuren durch die Luft drehen… Ein Besuch der Windgeister?

Jeder Tag ist erfüllt mit Freude über dieses unsagbare Blau, das zu bestimmten Zeiten ein Diamantencollier anlegt und mit tausendfachem Funkeln Augen und Sinne beglückt. Fröhlich begrüße ich die schon vom letzten Jahr vertrauten Felsengesichter. Beobachte staunend das kleine Leben im glasklaren Wasser, die Schnecken an den Klippen, suche schöne Steine. Bin dabei tief und still und spüre, was mein Herz mir erzählt. Irgendwann beschäftigt man sich nur noch mit Wesentlichem: schlafen, essen, musizieren und vor allem das Meer in vielfältigster Form genießen. Das Leben ist im Grunde einfach.

Kurz vor der Abreise ans Meer war mir aus meinem Regal ein Buch in die Hände gefallen: „Nackt zur Wahrheit“ von David Deida. Beim Lesen öffnen sich mir dabei in einem ganz physischen Sinne Herz und Augen. Was für eine gute Begleitung in ein profundes Erleben des Moments – so wie er sich zeigt. Ein literarischer Leckerbissen für alle, die gern noch tiefer als tief gehen. Wiedermal fügen sich dadurch etliche Steinchen des Verstehens im großen Mosaik meines Lebens. Es ist immer ein Zeichen von Wahrheit, wenn sich eine Information nicht nur deinem Verstand erschließt, sondern auch deinem Gefühl. Seltsamerweise kann ich mich nicht erinnern, wann ich dieses erstaunliche Buch gekauft hatte. Aber vielleicht habe ich seine Botschaft damals auch nicht ganz erfasst und deshalb wieder vergessen. Aus heutiger Perspektive ist dieses Werk für mich absolut einzigartig unter allem, was ich in dieser Art bisher gelesen habe. (Und was noch seltsamer ist, jetzt nach dem Urlaub kann ich es plötzlich nirgends mehr finden…)

Auf dem Campingplatz um uns herum zeigt sich das Leben in seiner zyklischen Vielfalt. Da ist das junge Pärchen, unverheiratet und kinderlos, frei und scheinbar im Genuss grenzenloser Möglichkeiten. Meldet sich da ein wenig Neid…? 😉 Das Ehepaar mit kleinen Kindern, auf dem Zenit seiner Leistungskraft. Der Single im mittleren Alter, allein mit seinem Wohnmobil unterwegs. Das reifere Paar in zweiter Ehe, das schon etliche Klippen umschifft hat oder vielleicht auch schon ein paar Mal gestrandet ist. Und dann all die älteren Paare, die nach einem bewegten Leben ihren Ruhestand im Wohnmobil am Meer genießen, manche von ihnen wochenlang am Stück.

Wie um diesen Zyklus zu vollenden, zeigt sich uns zuletzt auch der Tod. Leise und unerwartet kommt er an die Felsenklippen. Sehr sanft und lautlos beschließt dort eine alte Frau, vor aller Augen zu gehen. Den allerletzten Blick aufs Meer gewandt, löst die Seele sich innerhalb eines Augenblicks und entschwindet einfach. Der Körper sackt in sich zusammen, gleitet noch ins Wasser. Er wird rasch wieder geborgen, ist aber nur noch eine leere Hülle. Seit 20 Jahren kam das Ehepaar ans Meer. Und selbst wenn dieser Moment dem Ehemann immensen Schmerz bereitet – gibt es eine wundervollere Art zu gehen, wenn die Zeit reif ist? Es ist ein wenig wie in jenem Sinnspruch, an den mich gerade vor unserer Reise ein lieber Freund erinnerte:

„Wenn der Tropfen ins Meer gelangt, dann IST er das Meer.“ (Rudi Berner)

Am letzten Tag kehrten die Böen wieder, als wollten sie uns sagen, nun ist es Zeit zu gehen. Also zurück in die Normalität. Nach diesen Tagen bin ich zutiefst dankbar für kostbares, tief unter die Haut gehendes Erleben. Ein wenig nachdenklich, aber gestärkt durch kraftvolle Bilder und transformierende Energien tauche ich wieder auf, streife den Meerschaum von meiner Haut und gehe zurück an Land…

www.wortmalereien.com

Fotos: Andrea Maier