Von Zeit zu Zeit gelingt es mir, mich selbst beim Schreiben eines neuen Textes zu beobachten. Ein groteskes Vergnügen! Denn sobald sich die Idee für ein bestimmtes Thema in meinem Kopf festgesetzt hat, beginnt ein unter Umständen tagelanges Lauern und Ringen. Dabei geht es um die magischen ersten paar Worte oder Zeilen. Sie widersetzen sich aufs Heftigste und müssen ritualhaft umschlichen und geduldig umgarnt werden wie lebendiges, duftendes Wild von seinem Jäger. Dieser Prozess widerstrebt mir zutiefst! Daher ziere und winde ich mich, was nur geht, und muss mich selbst regelrecht zum Schreiben zwingen. Tatsächlich ist das ein völlig irrationales Verhalten, weil ich ja eigentlich schreiben will.

Nachdem ich meinen Schreibplatz also unzählige Male aufgesucht und wieder verlassen, unruhig umkreist und notgedrungen irgendwann wieder in Besitz genommen habe, beginnt der Kampf um Überschrift und erste Zeile. Aus irgendeinem Grund kann ich keinen Text schreiben, der keine Überschrift hat (ein Relikt aus der Schulzeit?). Selbst wenn ich genau weiß, sie ist rein provisorischer Natur und wird sich ohnehin wieder ändern. Ich lege mich also auf die Lauer wie ein ausgehungerter Löwe, um den arglosen, nichtsahnenden ersten Worten aus dem Hinterhalt in den Rücken zu fallen, sie zu packen, zu umschlingen, ihren Widerstand zu brechen und sie meiner Tastatur einzuverleiben. Denn ich weiß ja, habe ich sie erst einmal in meinen Klauen und schwarz-weiß vor meinen Augen flimmern, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit und der Kampf so gut wie gewonnen.

Solange ich mich jedoch im Stadium des Lauerns befinde, um die bittersüßen, heißersehnten ersten Worte in meine Fänge zu bekommen, ist es mir unmöglich, produktiv zu arbeiten. Statt mich darauf zu konzentrieren, zumindest erst einmal eine Rohfassung – oh ja, roh wie frische Beute! – auf den Bildschirm zu bekommen (ich schreibe nur in Notfällen auf Papier, es ist mir ein zu langsames und träges Medium), befasse ich mich gleich beim ersten Entwurf mit unwichtigen Schnörkeleien wie Interpunktion, Grammatik und optimaler Wortwahl. Das ist aber noch nicht alles. Die Möglichkeiten, sich vom Schreiben ablenken zu lassen, sind im Zeitalter der medialen Allgegenwart schier grenzenlos! Und so tippe ich einen halben Satz, und weil ich nicht gleich weiterkomme, schweife ich ab in die Flitterwelt von E-Mail, Internet, Facebook & Co. Ein wenig Lesen hier, ein bisschen E-Mail checken da… Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, der erste Satz. Ich meditiere die inzwischen schon zweimal geänderte Überschrift an und so ganz langsam spüre ich es in den Eingeweiden – Verzeihung, Gehirnwindungen: Da formiert sich etwas. Jetzt dranbleiben, den Gedanken zu Ende denken! Pack zu, gleich hast du sie!

Irgendwann passiert es dann – das magische letzte Wort, auf das es angekommen war, ist aufgeschrieben, und die Falle schnappt zu! Der Widerstand löst sich auf, Worte beginnen, Zeilen, ja ganze Absätze zu füllen. Es ist vollbracht! Ich kann endlich beginnen, fließend zu schreiben. Der Rest ist Kinderspiel.

Zur Beruhigung für meine tierfreundlichen Leser: Im wirklichen Leben bin ich gegen jegliche Gewalt und außerdem Vegetarierin. Meine Jagdlust ist ausschließlich literarischer Natur.

Naja, fast. 😉

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