Die Liebe des Meermannes

Die Liebe des Meermannes

Die kleine Stadt lag am Wasser. Schaumgekrönte Wellen warfen sich an ihren goldbraunen Strand und hinterließen dort ihr wundersames Schwemmgut, über das sich die Spaziergänger freuten. Die salzigfrische Luft wurde vom Meereswind zwischen die alten Stadthäuser getragen und erinnerte die Bewohner regelmäßig daran, wem sie ihren bescheidenen Wohlstand zu verdanken hatten. Es war ein gutes Leben dort, und die Menschen kamen regelmäßig ans Wasser, um ihre Gönnerin, die Alte Meermutter, zu ehren.

Hier lebte eine Frau, die den Ozean über alles liebte. Sie verbrachte jede freie Stunde am Wasser, oft zog es sie sogar mehrmals an einem Tag dorthin. Sie wanderte barfuß durch den feuchten Sand und genoss das körnige Knirschen unter ihren Fußsohlen. Wenn die Jahreszeit es zuließ, watete sie weit hinaus, benetzte die Gliedmaßen oder tauchte ganz ein, um unter Wasser zu schwimmen und ihre Ohren gegen die Alltagsgeräusche der Stadt abzuschirmen. Danach ließ sie sich an der Sonne wärmen und freute sich an dem Kribbeln, welches das trocknende Salz auf ihrer Haut erzeugte.  Gab es etwas Schöneres, als das ungestüme Reißen des Meerwindes im Haar zu spüren und mit geschlossenen Augen dem Schreien der Möwen zu lauschen? Welcher Anblick war herrlicher als jener der vielen tausend glitzernden Wellen vor dem sich verfärbenden Horizont? Die junge Frau liebte es, abends müde am Strand einzuschlafen und irgendwann wieder zu erwachen. Und dann durch die schwarze Nacht nach Hause, ins Bett zu gehen und am nächsten Morgen etwas Sand zwischen den Laken vorzufinden.

Wenn sie am Wasser kauerte und sich in der Betrachtung der Wellen, der Wolken oder der Möwen verlor, war es ihr, als suche ihr Herz dort nach einer Antwort. Als könne sie an der Berührungslinie zwischen Meer und Himmel etwas erkennen, das sie sonst nirgendwo anders fand. Sie erkundete die Wolkenformen und freute sich, wenn sie die Gesichter sehen konnte, die sich dort zeigten. Dann fragte sie sich, ob die da oben sie, die Menschenfrau hier unten, auch wahrnahmen – oder ob das Interesse einseitiger Natur war.

ocean-144620Sie saß einfach da und ließ die Wärme des Sandes durch ihre Zehen in ihre Fußknöchel steigen. In diesen Momenten wurde sie der kleinen Leere in ihrem Inneren gewahr, und sie wusste, dass sie es war, die sie immer hierher ans Wasser zog. Und wenn sie sich lange genug auf diese Leere konzentrierte, schien diese so groß und weit wie das vor ihr liegende Blau werden zu wollen.

Die Menschenfrau wusste nicht, dass sie schon seit langer Zeit beobachtet wurde. Dass er, der Meermann, dem stummen Ruf ihres Herzens gefolgt war und nun aus der blauen Tiefe hervorkam, um sie zu sehen. Er nahm die Wellenbewegungen ihrer Gedanken wahr und spürte die ziehende Leere in ihrem Inneren. Er konnte erkennen, wie grenzenlos stark ihre Liebe war und fühlte sich magisch angezogen vom Strahlen ihrer Seele. Und da geschah es, dass der Meermann begann, die Menschenfrau zu lieben.

Wenn die Menschenfrau ihren Blick ins Wasser richtete, um seine Tiefe zu ergründen, sah der Meermann von unten herauf direkt in ihre Augen. Ihn faszinierten die braungrüne Färbung ihrer Iris und das Funkeln der Wellen, die sich darin spiegelten. Sie sah ihn noch nicht, und doch tat etwas in ihrem Herzen einen Sprung. Unweigerlich suchten ihre Augen die Wogen ab, ohne dass ihr bewusst war, wonach sie suchten. Und hin und wieder erhaschte sie doch den Blick einer Bewegung, ein Huschen, etwas im Augenwinkel, das weg war, wenn sie sich darauf konzentrierte. Das Spiel hatte begonnen.

Wenn sie nun ins Wasser ging, umfingen die Wellen sie mit einer anschmiegsamen Weichheit, die sie bisher noch nicht wahrgenommen hatte. Eine warme Meeresströmung, die sich just an der Stelle zu befinden schien, an der sie schwamm, hieß ihren Körper willkommen und trug sie zärtlich durch die Fluten. Schaumkrönchen ließen sich auf ihren Schultern nieder und küssten knisternd ihre nasse Haut. Und hätte sie nicht mit eigenen Augen gesehen, dass da nichts war, so hätte sie geschworen, dass gerade eine Schlingpflanze ihre Beine berührt und kurz umfangen hatte, ehe sie sie wieder losließ. Irgendwann aber begann ihre Seele zu ahnen, welch köstliche Begegnung hier im Begriff war sich zu vollziehen, und dass ihre Liebe zum Meer Resonanz gefunden hatte.

drip-101068Sie begann, bei ihren Besuchen immer ein paar blaue Blumen dabeizuhaben, die sie ins Wasser legte. Die Wellen trugen sie davon. Auch verbrachte sie nun ganze Nächte am Strand und ließ sich morgens von den Möwen wecken. Es waren ganz besondere Träume, die sie in diesen Nächten hatte, und sie fühlte sich stets gut behütet, egal wie dunkel diese auch sein mochten. Sie bemerkte wohl den Lufthauch, der sie streifte und umfing, und erahnte den Liebesgruß, der in ihm verborgen lag. Ihre Sinne klärten sich und taten sich auf. Und da sah sie den Meermann eines Abends zum ersten Mal. Die Sonne hatte schon begonnen, das Wasser zu färben, und eine leichte Abendkühle zog auf.

Zunächst waren es ungewöhnliche Wellenformationen, die sie im Meer sah. Sie saß schon seit einiger Zeit direkt am Ufer, und in ihrer Sichtweite bildete sich etwas wie ein Sog im Wasser. Dann tauchte er auf, ganz langsam, in ihre Richtung gewandt. Als er bis zur Hüfte aus dem Wasser ragte, verharrte er und blickte die Menschenfrau schweigend an. Sie blickte zurück und rührte sich nicht. Sie empfand keine Furcht, aber etwas in ihr war aufs Äußerste gespannt. Es war diese Art Spannung, die man empfindet, wenn sich eine Ahnung erfüllt.

Der Körper des Meermannes war von schlankem, hohem Wuchs, und sein dunkles Haar floss über seine Schultern hinab. Ein Paar sehr heller Augen ruhte in einem ovalen, alterslosen Gesicht von großer Ebenmäßigkeit. Fast hätte sie meinen können, einen Menschen vor sich zu haben, wäre da nicht diese eigentümliche Färbung seiner Haut gewesen. Sie glänzte in einem leichten Olivton, vor allem, wenn er sich bewegte.

Er betrachtete sie immer noch stumm und es schien, als habe er auch nicht vor, das Wort zu erheben. Da fühlte sie, dass sie ihm Einlass in ihre Gedanken gewähren musste. Und dass es die Sprache der Gefühle war, die die Brücke von der Welt der Menschen in die Anderswelt schlagen würde. Also ließ sie ihr Herz lächeln und weit werden. Das Strahlen, das dem Herzen der Menschenfrau entströmte, erfasste die Seele des Meermannes und ließ auch ihn sich öffnen. Wie ein Zauberschlüssel, der das geheime Tor findet und Eintritt gewährt in eine magische Welt voller Schönheit.

meermann2_ocean-168133In diesem Moment erkannten sie einander. Langsam hob der Meermann seinen Arm und streckte der Menschenfrau einladend die Hand entgegen. Sie stand auf, tat einen Schritt ins Wasser, und noch einen. Ergriff seine Hand. Und da zog er sie mit sich in die Fluten, tief hinab, und das wilde, grüne Meer schloss sich schäumend über ihnen.

Die Sprache der Menschen hat keine Worte für die Glückseligkeit, die die beiden Liebenden fanden. Keine Bilder, um von dem weiten Ozean aus Farben und Licht zu erzählen, in dem ihre Seelen badeten. Keine Begriffe für die Welten der Zeitlosigkeit, in der die Liebe eine köstliche Sekunde zur Ewigkeit werden lässt. Diese Liebe fädelt schimmernde Perlenschnüre aus zahllosen Ewigkeiten und windet sie zärtlich um den Leib der Geliebten. Windet sie weiter durch Unterwasserwelten aus Sand und Riffen und schmückt damit die Masten versunkener Schiffe, die sich am Meeresboden zur Ruhe gelegt haben. Windet sie um die Äste der roten Korallen und führt sie in tiefe, verborgene Höhlen, deren dunkelgrünes Licht sich in den Perlen spiegelt.

Doch selbst in dieser Welt der Zeitlosigkeit hatten die unzähligen Perlen an der Schnur eine bestimmte Zahl. Die unzähligen Perlen waren gezählt, und der Meermann spürte, wie seine Geliebte sich seiner Umarmung zu entwinden begann. Er spürte, dass es noch andere Schnüre gab, die sie banden, die sie zurückzogen in die Welt der Menschen. Schnüre, die für ihn unsichtbar waren und deren machtvolle Wirkungsweise sich ihm entzog. Es kam der Tag, an dem die Menschenfrau ihren Geliebten aus dem Meer ein letztes Mal küsste und zurückging an Land.

Da rissen die schimmernden Perlenschnüre und bedeckten die Unterwasserwelt des Verlassenen mit einem Meer aus glänzenden Perlen. Sie waren überall und erinnerten ihn in jeder seiner zeitlosen Sekunden an die Liebe der Menschenfrau. Er, der der Welt der Zeitlosigkeit entstammte, kannte nun die Ewigkeit einer Sekunde, und er begann sie zu zählen. Geduldig sammelte er sie alle auf, eine nach der anderen, und erfuhr so das Wunder der Erinnerung.

Man erzählt sich, dass der Meermann wiederkommt, wenn er alle Perlen und mit ihnen alle seine Erinnerungen eingesammelt hat. Dass er seine nasse Welt verlassen, den Fluten entsteigen und in die Menschenwelt eintauchen wird, um seine Geliebte zu suchen und zurückzuholen. Er wird ihr seinen Perlenschatz zu Füßen legen und sie in sein Wasserreich heimführen. Die Perlen aber wird er zuvor über die ganze Welt der Menschen verstreuen als Gegengabe für die kostbare Liebe der Menschenfrau.

Und wenn die beiden miteinander in das grüne Reich des Meermannes abtauchen, wird auf Erden ein neues Zeitalter Einzug halten, sagt man. Ein Zeitalter, in dem die Ewigkeit zu Sekunden zerfällt und dem Zeitmaß der Menschen eine neue Bedeutung verliehen wird.

“Die Liebe des Meermannes”

ist zum Nachlesen und Anhören enthalten
im Kombipack Buch & Audio-CD

Feuer, Erde, Wind & Meer

 

Hörprobe „Die Liebe des Meermannes“:

 

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By |2018-06-04T13:29:26+00:00Februar 20th, 2015|Geschichten für Sinn & Seele, Mann & Frau, Sehnsucht|2 Comments

2 Comments

  1. Mischa 17. Januar 2016 at 19:43 - Reply

    Worte sind nur Worte und selbst unsere großen Dichter können das Glück nur umschreiben.
    Das große, das allumfassende Glück entsteht im reinen Herzen, es kommt aus dem Leben, von ganz allein, es braucht nur ein klein wenig Platz, um zu entstehen.
    Um es mit anderen zu teilen bedarf es jedoch der Worte, in der richtigen Reihenfolge aneinandergereiht.

    • Andrea Maier 17. Januar 2016 at 20:37 - Reply

      Danke, lieber Mischa. Aus Deinen Zeilen sprechen Feinsinn und Einsicht desjenigen, den diese Erfahrung für immer verwandelt hat.

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