Der rote Ballon

Ein knallroter Punkt im weiten blauen Himmel, so zog er seine Bahn, der kleine Ballon. Gefüllt und belebt mit dem Atem eines menschlichen Wesens, vorsichtig geknotet und versehen mit guten Wünschen sowie einer kleinen Botschaft an der Schnur. Erwartungsvoll stieg er hoch hinauf und freute sich unbändig, dass er nun auf die Reise gehen durfte – ganz allein. Der Wind umspülte ihn freundschaftlich und fragte säuselnd nach dem Wohin. Der rote Ballon aber wusste keine rechte Antwort. Was war seine Bestimmung? Da war diese kleine Botschaft am Ende seiner Schnur. Aber wie genau sie lautete und an wen sie gerichtet war, das war ihm nicht bekannt. Nimm mich einfach mit, bat er den Wind deshalb. Da lachte dieser, füllte seine Backen mit Luft und pustete den kleinen Ballon kräftig an, so dass er immer weiter nach oben stieg.

Oh, wie klein alles unter ihm wurde! Oder wurde er selbst größer? Die Luft wurde immer dünner, das konnte er spüren, und irgendwas zog in seinem Inneren. Aber es war auszuhalten, und spannend war es allemal. Er vertraute sich also vollständig dem Wind an und ließ alles mit sich geschehen. Dicke und dünne Wolkenwesen zogen an ihm vorüber und schmunzelten ihm zu. Ihre Berührungen waren hauchzart und erfrischend kühl. Der rote Ballon fühlte sich geschmeichelt und lächelte zurück.

Irgendwann hörte der Wind auf, den Ballon anzupusten und schien ihn an der Schnur festzuhalten. Genug, raunte er, noch mehr an Höhe bekommt dir nicht. Da drehte sich der Ballon einmal langsam um sich selbst und betrachtete still seine Umgebung. Leer war es hier, geradezu einsam. Weit und breit nichts zu sehen, nicht einmal mehr Wolken. Diese hatten sich schon ein Stückchen weiter unten von ihm verabschiedet. Er fühlte sich plötzlich etwas verloren und verunsichert. Er, der rote Ballon, der nur klein war und gar nicht groß. Wie groß hätte er sein müssen, um sich hier oben nicht verloren vorzukommen? Es war auch dieses seltsame Gefühl in seinem Inneren, eine Art Spannung, die ihm immer weniger behagte. Nimm mich wieder ein Stückchen weiter hinunter, bat er also den Wind. Und dieser entsprach wohlwollend seinem Wunsch.

Ja, das fühlte sich wieder besser an. Und nun vorwärts, bitte! Darauf hatte der Wind nur gewartet. Er ringelte sich um die Schnur und zog den Ballon mit sich, hui… Der Ballon verlor beinahe die Besinnung. Er nahm nichts mehr wahr außer dem schneidend kalten Luftzug um sich herum und dem Wirbeln, das ihn mit sich riss. Als der Wind endlich von ihm abließ, seufzte der kleine rote Ballon erleichtert und schaukelte mit geschlossenen Augen einfach vor sich hin. „Gut so“, dachte er. „Jetzt ruhe ich mich aus“.

tree-164915Er nickte ein wenig ein und begann schon zu träumen, glitt hinüber in ein Land aus Wolkenweiß und Sonnengelb. Da plötzlich riss ihn etwas aus seinem Schlummer, er hörte lautes Lachen und Scherzen. Und wie er sich umblickte, entdeckte er ein paar Ballons, die um einiges kleiner waren als er. Sie trieben in einer Gruppe vergnügt jauchzend an ihm vorüber und schienen ihn nicht wahrzunehmen.

„Hallo ihr“, rief er ihnen zu, „wohin des Wegs? Worüber lacht ihr?“

Da bemerkten sie ihn, flogen zu ihm hin und umringten ihn neugierig. Sie waren von seltsamer Färbung, farbig schillernd und doch durchsichtig, und sie bewunderten staunend die kräftige rote Haut des kleinen Ballons.

„Wer bist du?“, fragten sie.

„Ein Luftballon“, antwortete er ihnen. „Und was seid ihr für Ballons?“

Da kicherten sie und erwiderten, sie seien ja keine Ballons, sondern Seifenblasen, gefüllt mit dem Atem eines kleinen Menschleins.

„Wie ich“, rief der Ballon entzückt! „Wir sind verwandt! Kommt, fliegt mit mir weiter!“

Aber die Seifenblasen lehnten kopfschüttelnd ab.

„Tut uns leid, uns wird es nicht mehr sehr lange geben.“

Und – plopp – zerplatzten auch schon die ersten beiden von ihnen. Wie der kleine rote Ballon da erschrak! Er verabschiedete sich eiligst und ließ sich vom Wind weiterziehen, da er befürchtete, es könne sich bei diesem Zerplatzen um eine ansteckende Krankheit handeln…

„Das darf mir nicht passieren“, dachte er sorgenvoll bei sich. „Ich muss mich schützen und aufpassen. Ich muss mich unbedingt hier oben halten und immer weiter fliegen. Das ist gewiss meine Bestimmung, da bin ich mir nun sicher. Nein, zerplatzen darf ich um keinen Preis.“ Und er achtete ab sofort sehr genau auf den Zustand seiner leuchtend roten Haut. Als er einmal von weitem einen Schwarm Zugvögel entdeckte, machte er einen großen Bogen um sie, denn er konnte erkennen, dass sie spitze Schnäbel hatten…

http://pixabay.com/de/hei%C3%9Fluftballon-ballon-bunt-wind-4761/Bald darauf erblickte er in einiger Entfernung einen riesenhaften Ballon, der geradewegs auf ihn zusteuerte. Er war so groß, dass dem kleinen roten Ballon schier die Luft wegblieb. Er hatte gar nicht gewusst, dass man so groß sein kann! Und wie wunderschön dieser Riesenballon bemalt war! Seine Haut war versehen mit einem Streifenmuster aus vielen bunten Farben. Es waren die Farben des Regenbogens, aber das wusste der kleine Ballon natürlich nicht. Er geriet also in Begeisterung über den Anblick dieses majestätischen Ballons, und als dieser ganz nah herangekommen war, fragte er ihn schüchtern:

„Wer bist du? Du bist wunderschön!“

Der riesenhafte Ballon blinzelte verschlafen dem kleinen Ballon zu. Er hatte wohl gerade ein Nickerchen gehalten.

„Ich bin ein Heißluftballon, ich transportiere Menschen“, erklärte er dem kleinen Ballon.

„Aber was macht dich so groß?“, fragte der kleine Ballon ehrfürchtig.

„Der Atem des Feuers“, antwortete der Große. Da blieb dem kleinen Ballon der Mund offen stehen, und er sah dem großen farbenprächtigen Feuerballon nach, bis dieser seinen Blicken entschwand.

Oh, nun wollte er auch zu gerne größer sein, zumindest ein wenig! Der kleine rote Ballon begann also, die Luft in seinem Inneren auszudehnen. Er dehnte und dehnte sie, und tatsächlich, er begann zu wachsen! Noch ein wenig, und noch ein wenig… Langsam und vorsichtig blies er sich immer mehr auf. Da bemerkte er, dass seine Haut immer dünner und durchsichtiger wurde. „Bald sehe ich aus wie die wunderschönen schillernden Seifenblasen“, freute er sich. Er dehnte und dehnte und war in der Tat schon fast so durchsichtig wie eine Seifenblase… Da bemerkte er plötzlich einen Schwarm Bienen in seiner Nähe. Die Bienen bemerkten ihn auch und umringten ihn summend, denn ein Luftballon kam ihnen nicht alle Tage unter.

Als die Bienen ganz nahe an ihn herangekommen waren, entdeckten sie ihr eigenes Spiegelbild im Ballon. Das gefiel ihnen mächtig! Vor allem deshalb, weil sie sich hier  als viel größer und imposanter wahrnahmen, als sie in Wirklichkeit waren. Sie begannen sich um den Ballon herum zu drängeln und nach dem besten Platz zu suchen, um sich selbst zu betrachten. Dies schmeichelte dem kleinen roten Ballon sehr, und er badete stolz in der Begeisterung der Bienen. Dass ihre Begeisterung dabei hauptsächlich ihnen selber galt, war dabei einerlei… Das Getümmel und Gedrängel rund um unseren kleinen roten Freund nahm immer mehr zu, und irgendwann wurden die Bienen immer hitziger. Sie begannen darum zu streiten, wessen Spiegelbild das imposanteste war und welche von ihnen darin am besten zur Geltung kam. Sie summten und brummten laut und versuchten sich gegenseitig vom kleinen Ballon wegzudrängeln. Da wurde es diesem langsam ungemütlich.

„He ihr“, rief er, „haltet ein, was soll dieser Tumult?“

Und als schließlich zwei der Bienen richtig aneinander gerieten und sich gegenseitig drohend ihren Stachel zeigten, bekam der kleine Ballon einen solchen Schreck, dass er um ein Haar zerplatzt wäre! Er duckte sich schleunigst unter den Bienen hindurch und ließ sich rasch vom Wind davonziehen. Das hätte noch gefehlt, dass die Bienen ihn mit ihren Stacheln an die Haut gegangen wären! Noch dazu in dem Zustand, in dem er sich befand! Denn nun dämmerte ihm langsam, in welche Gefahr er sich selbst gebracht hatte durch sein Dehnen und Aufblasen. Seine Luftballonhaut war zum Zerreißen gespannt und nur noch hauchdünn. Und gerade aus diesem Grund war sie so durchsichtig geworden. Und er törichter Narr hatte sich auch noch für so schön wie eine Seifenblase gehalten! Es hatte nicht viel gefehlt, und er hätte sein Leben hier oben ausgehaucht….

Der kleine rote Ballon besann sich also eines Besseren und beschloss, sich wieder zu verkleinern. Er zog die Luft in seinem Inneren langsam zusammen, ganz langsam… Und schließlich war er auf seine ursprüngliche Größe zusammengeschrumpft. Alles fühlte sich wieder entspannter an. Doch was war das? Wie war ihm auf einmal? Nun ja, der kleine Ballon musste nun feststellen, dass ihn sein vorübergehender Größenwechsel sehr viel Kraft gekostet hatte. Seine Haut war nun sehr weich und stellenweise sogar runzlig, und einige unschöne Dellen waren nach dem Zusammenziehen der Luft zurückgeblieben. Er seufzte und fühlte sich auf einmal sehr schwach. Langsam begann er tiefer zu sinken, immer tiefer… Und als wüsste der Wind, was in ihm vorging, ließ er den kleinen Ballon sanft hinabgleiten, umspülte ihn nur ein wenig, damit die Reise abwärts nicht zu jäh ausfallen sollte. Der kleine Ballon fühlte sich schläfrig und kraftlos, und er machte während seiner Talfahrt keinerlei Anstalten mehr, nach oben steigen zu wollen. Er kuschelte sich müde in die Arme des Windes und lächelte vor sich hin. Träumte ein wenig von dem wunderschönen bunten Feuerballon, ach, wie königlich hatte der ausgesehen! Einmal, irgendwann einmal, würde auch er…

flower-204338Sanft, ganz sanft, landete der kleine rote Ballon im Geäst eines jungen Baumes. Zärtlich wickelte der Wind seine Schnur um einen seiner Zweige, wie um dem Ballon zu bedeuten: Hier ist nun dein Platz, hier verweile. Müde lehnte sich der kleine rote Ballon in eine Astgabel und schlummerte ein wenig vor sich hin. Hier fand ich ihn während eines Waldspaziergangs, er leuchtete mir am Wegesrand entgegen. Dank seiner kräftigen roten Farbe sah ich ihn sofort. Ich band ihn also los und nahm ihn mit, einen kleinen schlaffen Ballon, müde lächelnd, mit einer kleinen Papierrolle an der Schnur.

„Ich habe eine weite Reise hinter mir“, flüsterte er mir zu.

„Erzähl mir davon“, bat ich ihn. Und so erzählte er…

Und mit einem leisen Seufzen, dem letzten, bevor ihm die Luft ganz ausging, bat er mich, die Botschaft an seiner Schnur zu lesen. Und so fand ich dich.

blind_20

“Der rote Ballon”

ist zum Nachlesen und Anhören enthalten
im Kombipack Buch & Audio-CD

Feuer, Erde, Wind & Meer

 

Hörprobe „Der rote Ballon“:

 

 

jetzt Bestellen

Leave A Comment