Als wir noch Kinder waren, lebten wir an einem Ort in der Nähe der Hügel. Sie begannen nicht weit von unserem Hause entfernt und waren für uns Kinder ein magischer Ort. Oft saßen wir einfach nur da und betrachteten die steinige, unscheinbare Hügellandschaft, verkarstet und grau. Sie war nicht besonders schön, nicht grün und saftig und auch nicht imposant. Und trotzdem wirkten die Hügel irgendwie vollkommen, so ruhig und unbeeindruckbar, denn sie waren immer gleich. Gern beobachteten wir die Sonne, die hinter den Hügeln aufging und ihre Farben über sie ausgoss. Die Jahreszeiten zogen über sie hinweg, scheinbar verwundert über die Gleichgültigkeit der Gesteinsmassen. Und wenn im Frühling die Schneeschmelze einsetzte, freuten wir uns jedes Jahr aufs Neue auf den altvertrauten Anblick der grauen Hügel.

Sie waren eine so wunderbare, natürliche Konstante in unserem Leben. Manchmal fragten wir uns, wie es wohl in ihnen aussah, innen drin. Ob grobschlächtige Trolle in ihnen hausten oder zarte Feengeschöpfe in flatternden Gewändern. Aber wir gingen nicht hinüber, um es herauszufinden. Es war viel schöner, die Hügel aus der Entfernung zu betrachten und Vermutungen anzustellen. Keine Gewissheit zu haben ließ der Phantasie unbegrenzten Spielraum. Denn wer weiß, was wir herausgefunden hätten, wären wir hingegangen, um zu suchen.

Alles war wie immer, die Jahresreigen wiederholten sich stetig und ließen keinen Zweifel daran, dass es immer so sein würde. Bis dieser eine Winter kam, von dem noch in hundert Jahren alle reden werden. Er überraschte uns, als der Oktober noch nicht halb vorbei war. Keiner hatte mit dieser plötzlichen Eiseskälte gerechnet, die über uns hereinbrach und uns in die Häuser, an die warmen Öfen trieb. Zuerst regnete es viele Tage durchgehend, und ein bitterkalter Wind trieb nadelspitze Eistropfen vor sich her. Dann kam der Schnee, nächtelang tobten die Stürme erbarmungslos über uns hinweg, verwehten alle Wege und Türen und tauchten unsere Welt in meterhohe Zuckerschichten. Wenn morgens wieder die Sonne schien und das Schneemeer in eine glitzernde Eiswüste verwandelte, saßen wir hinter den gefrorenen Fenstern, an dampfenden Tassen nippend, und bestaunten die verwandelte, silberweiße Landschaft. Auf den ersten Blick war es, als hätte man unser Haus über Nacht an einen anderen, märchenhaften Ort versetzt. Wären nicht die Hügel da hinten gewesen, deren unverkennbare Silhouette selbst unter den Schneemassen erhalten blieb.

snow-41867Es wurde ein langer, harter und märchenreicher Winter. Was den Erwachsenen als übermächtige Last und Bedrohung erschienen sein muss, barg für uns Kinder eine Welt voll Geheimnis und Zauber, und wir wurden es nicht müde, von unserem Fenster aus das versunkene Leben draußen zu beobachten oder das, was davon übrig geblieben war. Zuzeiten wagten wir uns hinaus, dick vermummt und heiße, gekochte Kartoffeln in den Taschen zum Wärmen der rotgefrorenen Finger. Dann wateten wir durch hüfthohen Schnee ums Haus und versteckten uns hinter meterhohen Schneewechten. Wenn wir dann mit zitternden Kiefern, halb eingefrorenen Zehen und kalten Kartoffeln in den Taschen wieder ins Haus kamen und uns aus der eisverkrusteten Kleidung schälten, rauften wir uns um den besten Platz auf der lammfellbezogenen Ofenbank. Dort tauten dann unsere Glieder langsam wieder auf, und unsere Mägen wärmte becherweise heiße Schokolade mit Zimt. Dermaßen gestärkt kehrten wir danach langsam wieder zurück an unseren Platz am Fenster, von dem aus wir die Hügel betrachten konnten.

Dort war es auch, wo wir eines Morgens eine unglaubliche Entdeckung machten. Die Sonne ging gerade auf und schmückte die verschneiten Hügel mit einem zartrosa Glitzergewand, als wir deutlich sichtbar ein großes Tier erkennen konnten, das auf den weißen Hügeln saß und in unsere Richtung zu blicken schien. Wir waren wie vom Donner gerührt und flüsterten aufgeregt miteinander, denn unausgesprochener Weise waren wir übereingekommen, die Erwachsenen nicht an unserer Entdeckung teilhaben zu lassen. Nach einigem Hin und Her stand für uns alle fest: Bei diesem Tier musste es sich um einen Löwen handeln.

Uns allen war sonnenklar, dass es bei uns in der Gegend noch nie einen Löwen gegeben hatte, da diese Tierart bei uns nicht heimisch war. Uns fiel unser großes Tierbuch ein, und wir schlugen eifrig nach. Und da gab es nichts mehr dran zu rütteln – das Tier dort auf den Hügeln war zweifelsfrei ein Löwe, und ein besonders groß gewachsener noch dazu.

candles-141892Der Löwe besaß ein senffarbenes Fell, eine mächtige dunkle Mähne und einen bequasteten Schweif. Er wanderte auf den Hügeln hin und her und schien unruhig zu sein. Setzte sich mal in den Schnee, zwinkerte der Sonne zu, um bald darauf wieder aufzustehen und seine Wanderung fortzusetzen. Das wieder einsetzende Schneegestöber schien ihn nicht zu stören. Was war das für ein Löwe, dessen Pfoten unbeirrt durch kalten Schnee stapfen konnten und der die frischen Schneeflocken, die ihn umschwebten, so gleichgültig hinnahm? So ein Löwe musste doch gewiss aus einer warmen Gegend stammen und eine trockenheiße Witterung gewohnt sein. So lasen wir es zumindest in unserem Tierbuch und rätselten vor uns hin, tuschelten miteinander und verdeckten mit unseren Körpern tunlichst die Aussicht, wenn ein Erwachsener den Raum betrat. Die interessierten sich jedoch nicht sonderlich für uns und unsere Geheimnisse, sie waren beschäftigt mit ihren Alltagsangelegenheiten, und wir waren zufrieden damit.

Irgendwann verschwand der Löwe urplötzlich wieder hinter den Hügeln, und wir sahen ihn tagelang nicht wieder. Wenn er dann wieder auftauchte, entweder morgens, wenn es dämmerte, oder des späten Nachmittags, bevor es dunkel wurde, tat er das, was er immer tat. Er wanderte die Hügel hin und her, auf und ab. Schnee fiel auf seine mächtige Löwenmähne und verwandelte sie in Eiszotten. Dem Löwen schien das egal zu sein. Wenn es gerade nicht schneite, legte er sich sogar dann und wann bäuchlings in den Schnee und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Dann sah er wahrhaftig aus wie der König der Tiere.

hardest-68651Die Wochen vergingen, und der Winter blieb. Man begann mit den Speisevorräten umsichtiger hauszuhalten, doch wir Kinder merkten davon nicht viel. Weihnachten zog ins Land und wieder hinaus, und das Neue Jahr feierte sich selbst, indem es mit gewaltigen Sturmböen über uns hereinschneite. Die Verbindung zu den Nachbardörfern war schon lange abgebrochen, und wir konnten die Unruhe der Erwachsenen spüren. Man fing an, mit dem Brennholz zu sparen, und es war ganz und gar nicht mehr gemütlich, morgens frierend unter der klammen Daunendecke zu warten, bis endlich wieder Feuer gemacht wurde, bis der Raum sich endlich wieder erwärmte. Längst schon schliefen wir alle in der großen Stube, um den Ofen geschart, dessen Anwesenheit zumindest uns Kinder auch dann beruhigte, wenn das Feuer darin gerade nicht brannte.

Der Frühling kam, aber nur auf dem Kalenderblatt. Die Schneemassen wichen nicht, die Erde schien wie mit einer krachenden Eiskruste überzogen. Doch irgendwann kam es uns vor, als ob die morgendlichen Eisblumen am Fenster kleiner und durchsichtiger würden.

Noch immer versetzte es uns in helle, kindliche Aufregung, wenn unser geheimer Hügelwächter, der Löwe, wieder auftauchte. Und immer wieder schien es uns, als blicke er direkt herüber zu unserem Haus, durch die eisigen Fenster hindurch in unsere Augen und sogar in unsere Seelen hinein. Irgendwann sprachen wir nicht mehr viel, wenn wir ihn erblickten. Wie auf ein stummes Kommando hin versammelten wir uns vor dem Fenster und schauten still hinüber, reglos, so lange bis er wieder entschwand. Dann gingen auch wir wieder zu unseren Tagesbeschäftigungen über.

Wir konnten irgendwann fühlen, dass der Winter sich seinem Ende zuneigte. Auch die Erwachsenen benahmen sich irgendwie anders, es war wie ein unruhiges Flackern in ihrem Blick, ein um ein Quentchen höheres Schwingen ihrer Stimmen beim Sprechen. Da sahen wir den Löwen eines Morgens zum letzten Mal.

Und eines Tages, ganz in der Früh, geschah es. Es war Mitte Mai, das Tauwetter hatte noch gar nicht eingesetzt, da hörten wir ein lautes Rufen durchs Haus gehen, das uns aus dem Schlaf riss. Diesmal waren es die Erwachsenen, die vor dem Fenster standen und ungläubig hinausstierten. Die sich die Augen rieben, sich hastig ein paar Kleidungsstücke und ihre Mäntel überwarfen und wie von Sinnen hinausstürzten. Sie gaben uns den Platz am Fenster frei, und somit konnten nun wir das Wunder betrachten, das sich über Nacht da draußen ereignet hatte. Es war auf den Hügeln. Das Eis auf ihnen war an vielen Stellen aufgebrochen, große Spalten zogen sich über die ganze Hügellandschaft. Und aus diesen Spalten quollen, man möchte es glauben oder nicht, sonnengelbe Blumen. Üppige gelbe Blütenköpfe reckten sich aus dem Eis der Sonne entgegen. Löwenzahn.

common-dandelion-115167Die Erwachsenen stürzten hinüber zu den Hügeln, und ihr Atem erzeugte weiße Fahnen in der Luft. Sie konnten es nicht fassen. In den nächsten Tagen setzte das Tauwetter ein, und aus allen Nachbardörfern kamen die Menschen angereist, um das unglaubliche Naturschauspiel zu bewundern.

Wir Kinder grinsten uns an, holten unsere Mäntel und machten uns auf den Weg zu den Hügeln. Nur wir allein wussten, wem wir das Löwenzahnwunder zu verdanken hatten.

 

 

Feuer Erde Wind & Meer

aus dem Buch

Feuer, Erde, Wind & Meer

Literarische Impulse für Sinn & Seele

von Andrea Maier

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