Waldsinfonie – Ein Baum erzählt

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Waldsinfonie – Ein Baum erzählt

Der Alte kam immer früh am Morgen
und manchmal noch des Abends ein zweites Mal,
um sich in meinem Schatten für eine kostbare Weile
vom Getöse der Menschenwelt zu erholen
und in der dämmergrünen Stille zu baden,
die er an meinen Wurzeln fand.

Ich konnte spüren, sein Geist war müde
und sein wildes Herz sehnte sich fort
aus der kalten Enge weißgetünchter Mauern,
so wie aus den Begrenzungen seines an menschlichen Jahren reichen Körpers.
Ich verstand, wonach er suchte, und so schenkte ich es ihm.

Hoffnungsvoll betrat er also das milde Zwielicht des Waldes,
lehnte sich an meinen Stamm und schloss seufzend die Augen.
Tief wurden seine Atemzüge dann
und ebenmäßig die Schläge in seiner beengten Brust,
die so voll war von etwas, für das er keinen Namen mehr hatte.

Schon der erste Schritt über die unsichtbare Grenze
hinein unter mein kühles Blätterdach,
in die duftende Weichheit des Moosgrundes,
schenkte ihm, knackendem Holz und dem Murmeln des Bächleins lauschend,
einen Hauch dessen, was er dort draußen niemals mehr finden würde.
Das wusste ich lange, bevor er es tat.

Denn sein Herz war nicht von dieser Welt
und seine Gedanken wandelten in fernen Zeiten und Räumen.
Hatten sich niemals fügen wollen in geordnete Struktur,
sondern alle erdachten Formen gesprengt,
sich stets der geradlinigen Vernunft entwunden.
Mit eigentümlicher Unbeugsamkeit beseelt,
flogen seine Gedanken mit den Wolkengeistern,
nisteten in den Zweigen der alten Erlen
und spielten Pans bizarre Weisen auf dem Schilf.

So wurde er mir zu einem Vertrauten, dieser Mensch,
der sich dort draußen verloren hatte
und nun meinen Schatten suchte, um sich doch noch zu finden.
Als er wiederkam, an jenem Tag,
und sein müdes Haupt auf meine Wurzeln bettete,
las ich in seiner weiten Seele und wusste, es war Zeit.

Also rief ich den Wind herbei
und ließ meine Blätter ihr uraltes Wiegenlied singen,
dessen Rauschen die summenden Faune weckte.
Ihr vibrierendes Tönen wiederum lockte die kleinen Undinen hervor,
und sie tanzten ihren magischen Wasserreigen,
der das Murmeln des Bächleins zu einem wohlklingenden Gurgeln schwellen ließ.

Als die Abendsonne ihr weiches Licht unter meine Zweige sandte,
um die zartfarbenen Waldblumenkelche mit ihrer goldenen Kraft zu füllen,
hatte der Alte seine Lider für immer geschlossen.
Schwer ruhte sein weißes Haupt auf dem Mooskissen an meinen Wurzeln,
doch leicht seine Hand an meiner Rinde.

Die Sinfonie des Waldes verklang.

 

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Titelbild: www.pixabay.com

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