Das kleine Herz – Eine Metapher vom Suchen

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Das kleine Herz – Eine Metapher vom Suchen

Das kleine Herz war allein. Es ging hierhin und dorthin, immer auf der Suche nach einem Irgendwas. Es besah sich die Welt, stets Ausschau haltend nach einem Irgendwo. Die Welt gefiel ihm schon, und doch zog etwas das kleine Herz immer weiter. Denn es fragte sich, ob es einen Ort gab, der mehr sein konnte als nur ein Irgendwo. Und ein Ziel, das größer war als jedes Irgendwas, das es kannte.

Als es so durch die Landschaft wanderte, kam starker Wind auf und es begann zu regnen. Das kleine Herz suchte Schutz unter einem großen Bananenblatt. Doch der Wind riss an der Bananenpflanze und – was noch viel schlimmer war – der Regen trommelte ohne Unterlass auf das Blätterdach. Das laute Trommeln machte dem kleinen Herzen Angst! So etwas hatte es noch nie gehört. Die Vibration des Regentrommelns ging ihm durch und durch, und es wusste nicht, wie ihm geschah. Da hielt es sich die Ohren zu und wartete, bis Wind und Regen vorüber waren.

Irgendwann setzte das kleine Herz seinen Weg fort und wandte sich nach Süden, der Steppe zu. Die Sonne brannte herab, und es wurde ihm immer heißer. Da hörte es plötzlich ein fremdartiges Geräusch. Ganz leise zuerst, dann immer lauter, vernahm es ein dumpfes Trappeln, das aus großer Entfernung daherkam. Das Trappeln schwoll an und wurde zu einem Donnern, das die staubige Erde erzittern ließ. Das kleine Herz geriet abermals in Angst, in große Angst, denn solch ein Donnerdröhnen hatte es noch nie gehört. Das Beben der Erde ließ es bis ins Mark erzittern. Im allerletzten Moment sprang das kleine Herz hinter ein paar Felsen und duckte sich in den heißen Staub, bevor eine große Herde wilder Steppenpferde an ihm vorüberbrauste. Das kleine Herz kniff die Augen zusammen und hielt die Hände fest auf die Ohren gepresst. Doch es half nichts. Das gewaltige Stampfen der Wildpferdehufe beutelte seinen ganzen kleinen Körper durch, während das ohrenbetäubende Getöse ihm fast den Verstand raubte… Doch irgendwann verlor sich das Hufgetrappel wieder in der Ferne, und das kleine Herz atmete tief auf.

Nun beschloss es, das große Meer zu suchen. Es wanderte viele Tage und Nächte, bis es schließlich an seine Ufer gelangte und sich glückselig an einem Kiesstrand niederließ. Es sog tief die salzige Meerluft ein und genoss den Anblick der tanzenden grünen Wellen vor dem weißblauen Horizont.coast-192979 Da meinte das kleine Herz, endlich am Ziel seiner Suche nach dem Irgendwo, am wundervollsten Ort der Erde angekommen zu sein.

Doch was war das? Der Himmel verfinsterte sich plötzlich, graue Gewitterwolken zogen auf und verdunkelten den eben noch strahlenden Sommerhimmel. Abermals erhob sich ein starker Wind, der die Wellen peitschend vor sich hertrieb und dem kleinen Herzen kalte Wasserspritzer um die Ohren blies. Es fröstelte und blickte sich angstvoll nach einem Versteck um. Aber weit und breit war nichts zu sehen, und so musste es sich wohl oder übel in den Sand legen und alles über sich ergehen lassen, was nun daherkam. Grelle Blitze zuckten über den schwarzen Himmel und ließen es für Sekundenbruchteile wieder taghell werden. Wie das kleine Herz da erschrak! Und als es den ersten Donnerschlag vernahm, geriet es in heillose Panik, denn es glaubte sich dem ungestümen Trampeln wilder Pferdehufe ausgeliefert. Währenddessen rollte der Donner grollend über das Meer hinweg und ließ das kleine Herz unter mächtigen Paukenschlägen erzittern. Feixende Blitzgesichter zeigten sich am Himmel und jagten ihm einen tüchtigen Schrecken nach dem anderen ein.

Da lag das kleine Herz nun, den Elementen ausgeliefert und wie von Sinnen. Bei jedem Donnerschlag zuckte es zusammen und hüpfte im Sand auf und ab. Irgendwann sprang es auf und begann zu rennen. Es rannte und rannte, blind und taub, bis es vergessen hatte, wie lange es schon gerannt war. Da sah ich es, es lief geradewegs auf mich zu. Ich musste lachen über den Anblick des kleinen, hüpfendes Herzens, das völlig orientierungslos schien und doch schnurstracks auf mich zusteuerte. Da breitete ich meine Arme weit aus und fing es in meine Mitte auf. Hielt es fest und summte ihm eine schöne Melodie vor, bis es sich beruhigt hatte und ganz entspannt zu schlagen begann.

 Und da konnte das kleine Herz es endlich fühlen: Es war eins.

 Eins mit dem vibrierenden Regentropfentrommeln.

Eins mit dem dröhnenden Pferdehufgetrappel.

Eins mit den grollenden Donnerpaukenschlägen.

 Es schlug, pochte und trommelte in meiner Brust vergnügt den uralten Herzrhythmus
und spürte genau, nun war es am Ziel.

 Willkommen zu Hause, mein liebes Herz!

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aus dem Buch

Feuer, Erde, Wind & Meer

Literarische Impulse für Sinn & Seele

von Andrea Maier

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2 Comments

  1. Mischa 11. Februar 2016 at 21:53 - Reply

    Wieviele Herzen sind wohl heute unterwegs hierhin und dorthin, immer auf der Suche nach etwas, wovon sie nicht genau wissen, was es sein könnte. Finden keine Ruhe, keine Erfüllung, obwohl doch mehr von allem vorhanden ist außer der Liebe. Diese wird mit fremden, entstellten Erfahrungen der Medien ausgetrocknet, das Herz versteht diese Welt nicht mehr, weil die Menschen die Welt nur mit den Augen sehen, die Liebe jedoch nur mit dem Herzen zu finden ist.
    Unser Gebet bittet um heilende Energie für unsere Erde, bevor ein Engel die letzte Träne weint.

    • Andrea Maier 11. Februar 2016 at 22:11 - Reply

      Die Suche dauert so lange an, wie der Reisende Erfüllung, Bestätigung und Antwort im Außen sucht… Leise, allmählich und völlig unspektakulär stellt sich Frieden ein, sobald er sanft davon ablässt und sich nach innen, sich selbst zuwendet. Doch bis dahin genießen wir die Reise.

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