Im Europa des unruhigen 17. Jahrhunderts wüteten Krieg und Verfolgung, unzählige Leben wurden ausgelöscht und die Menschen von Krankheit und Seuchen heimgesucht. In den Armenvierteln der größeren Städte herrschte das Elend, und das Leben der einfachen Frauen zählte nicht viel. Sie starben an Auszehrung, Geschlechtskrankheiten oder an der Geburt eines ihrer Kinder. Das Dasein dieser Frauen bestand aus schwerer Arbeit, den körperlichen Diensten an den Männern und dem frommen Befolgen der Kirchengebote, die das geduldige Ertragen ihrer Fron zur Christenpflicht erhoben und ihnen auf den Leib maßen.

Anne-Marie hatte Glück. Irgendwo in Frankreich, dem Land des Sonnenkönigs, lebte sie in einem bürgerlichen Stadtviertel. Ihre Familie führte dort ein einfaches, aber florierendes Kaufmannsgeschäft unter der Leitung ihres Vaters Henry Baffour. Sie war das drittjüngste von sieben Geschwistern, von denen vier bereits außer Hause lebten. Anne-Marie verstand sich auf die Künste des Singens und Geschichtenerzählens, und dies bewirkte, dass ihr stets eine kleine Kinderschar am Rockzipfel hing. Wenn sie morgens mit ihrem Korb unterm Arm über den Markt schlenderte und eine beschwingte Weise vor sich hinsummte, wandte so manch einer sich nach ihr um. Und wenn sie dann gar ihre Stimme erhob und ihre Kehle jene perlenden, fröhlichen Töne formen ließ, die sie so liebte, erachteten viele dies als Schamlosigkeit und steckten die Köpfe zusammen.

Das Mädchen war nicht unbedingt das, was man als eine Schönheit bezeichnete. Für den damaligen Geschmack war sie zu mager geraten, und ihr Körper entbehrte etwas der allseits so beliebten Rundungen. Ihr Gesicht wies für eine Frau recht markante Züge auf, aber sie besaß gesunde Zähne, was sie unter all den anderen in ihrem Alter auszeichnete. Ihr dunkles Haar fiel ihr in kräftigen Locken auf die Schultern, wenn sie es nicht gerade züchtig unter ihrem Leinenhäubchen versteckt hielt. Der Grund jedoch, warum Anne-Maries Äußeres immer wieder für Aufsehen sorgte, waren ihre Augen. Sie waren nahezu schwarz und spiegelten ihr Gegenüber wie zwei dunkle Brunnen. Sie wirkten, als hätten sie schon allzu viel gesehen und schienen nicht so recht in das jugendliche Gesicht zu passen. Wenn etwas ihren Blick einfing und bannte, wurden diese Augen noch eine Nuance dunkler und blinzelten nicht eher, als bis die Neugier ihrer Trägerin gestillt war und sie ihre Aufmerksamkeit wieder etwas anderem zuwandte.

Anne-Marie befand sich bereits seit einiger Zeit im heiratsfähigen Alter. Der Vater und die Mutter hätten sie gern längst im Brautstaat gesehen und führten dem Mädchen gelegentlich diskret einen potentiellen Schwiegersohn vor. Auch trachteten sie danach, ihre Tochter verstärkt in Gesellschaft und Kirche zu engagieren, was diese aber meist gekonnt vereitelte. Viel lieber zog sie singend mit der rotznasigen Kinderschar durch die Gassen oder streifte allein durch die Wälder, wo sie geschickt wie ein Eichhörnchen auf die Bäume kletterte und dort oft stundenlang reglos verharrte, um das Wild zu beobachten.

rose-186452_242Doch es gab da auch einen jungen Mann, einen Unbekannten. Anne-Marie sah ihn zuweilen auf der Straße, wenn sie ihre Gänge besorgte. Schon bei der ersten Begegnung hatte sie etwas wie das Aufflammen eines Zündhölzchens inmitten ihres Magens verspürt. Er tauchte immer wie aus dem Nichts vor ihr auf, und es war ihr oft, als bliebe sein Blick eine Spur länger an ihren Augen hängen als nötig. Wenn er sie dann anlächelte und das Strahlen seiner hellen Augen eine schier unerträgliche Intensität annahm, wandte sie ihren Blick schnell ab. Sobald der kurze Moment der Begegnung vorüber war, bereute sie jedoch, dem Blick dieses Mannes nicht länger standgehalten zu haben, und sie beschwor in stillen Stunden sein Bild wieder herauf. Irgendwann begann sie ihn überall in den Gassen zu sehen, ja sogar zu erwarten, und vermutete ihn schon vor sich, wenn sie der Rückenansicht eines Mannes mit ähnlicher Statur gewahr wurde. Es kam soweit, dass sie enttäuscht war, wenn sie ihm bei einem ihrer Gänge nicht begegnete, und das war häufig der Fall.

Anfangs wusste sie nichts über diesen Mann, und sie wagte es freilich nicht, sich nach ihm zu erkundigen. Doch wenn sie ihn traf, entging ihren Augen nichts, auch nicht das kleinste Detail. Sie merkte sich die Orte, an denen er ihr am häufigsten über den Weg lief, und versuchte daraus zu erahnen, woher er kommen könnte. Irgendwann wusste sie, wann sie ihn an welchem Tag und an welchem Ort mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sehen würde. Er trug dunkle Kleidung aus gutem Tuch, sodass Anne-Marie vermutete, er könne einer edlen Familie angehören. Dafür sprach auch die Tatsache, dass er zuweilen ein Pferd mit feinem Zaumzeug und Sattel neben sich herführte.

An einem feuchtkalten Wintermorgen tanzte der Schnee in dichten Flocken vom Himmel, und sie sah ihn wieder. Er stand vor der Kirche, schien auf etwas zu warten. Anne-Marie verlangsamte ihren Schritt, um genügend Zeit zu haben, ihn im Vorbeigehen unauffällig in Augenschein zu nehmen. Zunächst bemerkte er sie nicht. Dann erschallte ein Ruf: „Dominique!“, und er wandte den Kopf, um einen anderen Mann zu begrüßen. Die beiden Männer schüttelten einander die Hände und schienen hoch erfreut, wie alte Bekannte, die sich lange Zeit nicht gesehen hatten. Eine Unterhaltung entspann sich, und Anne-Marie fürchtete schon, sie müsse vorübergehen, ohne von ihm bemerkt zu werden. So setzte sie kurz ihren Korb ab und begutachtete die Ware, die einige Marktfrauen dort feilhielten. Als sie hörte, wie die Männer sich von einander verabschiedeten, nahm auch sie ihren Korb wieder auf und schickte sich an, weiterzugehen. In diesem Moment hob er den Kopf und sah sie an. Ein offener Blick ohne jede Zaghaftigkeit. Ihr Herz setzte aus, als die Zündfunken in ihrem Bauch aufloderten und es für einen Moment streiften. Da hielt sie inne und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. Und auch er blickte strahlend auf sie und neigte leicht den Kopf zum Gruße.

rose-140446_242Schneeflocken hatten sich ihm auf Hut und Schultern gelegt, und seine helle Haut war von der Kälte leicht gerötet. Das dunkle Cape, welches er trug, fiel ihm in großen, schweren Falten bis über die Knie. Dominique, dachte sie, Dominique. Ein Bild stieg in ihr auf. Wie er sie in seinen Armen hielt, sie wiegte. Sie sah sein weißes Hemd, es wies dunkle Flecken auf. Dann war es wieder vorbei.

Sekunden verstrichen, und für einen Bruchteil davon schien es, als wolle er von der anderen Straßenseite her einen Schritt auf sie zu machen, das Wort erheben. Doch Anne-Marie riss sich aus ihrer Erstarrung, drehte sich um und ging davon.

Sie ließ die Stadt hinter sich und lief hinaus in die Wälder. Suchte ihre geheimen Pfade hinein in die grüne Stille. Der Duft von Baumharz stieg auf und hüllte sie ein, ihre Hände fuhren über spröde Rinde. Sie ging und ging, atmete, verharrte. Ging weiter. Und irgendwann wurde ihr feuergestreiftes Herz wieder ruhig. Irgendwann senkte sich wieder Frieden über sie. Da konnte sie sich auf einen Stein setzen und die Augen schließen. Was war es nur, das so ungestüm an ihrem Herzen gezerrt hatte? Wieder und wieder murmelte sie diesen Namen, kostete den Klang jeder einzelnen Silbe aus. Als könne sie mit diesem Zauberwort eine Erinnerung heraufbeschwören. Aber sie spürte mit einem Mal, dass da noch etwas anderes war als nur die starke Hingezogenheit zu ihm. Ein Schauer fuhr ihr durch den Körper, aber sie konnte ihn nicht fassen.

Es dämmerte bereits, als Anne-Marie nach Hause kam, und die Mutter schalt sie. Es schickte sich nicht für ein junges Mädchen, allein durch die Gegend zu streifen, und es war ungehorsam, verspätet nach Hause zu kommen ohne ein Wort der Erklärung. Aber Anne-Marie kannte die Mutter, strich ihr über den Arm und drückte zart ihre Hand. Da war es wieder gut, und die Sorgenfalten im Gesicht der Mutter glätteten sich.

Anne-Marie liebte ihre Mutter, sowie auch den Vater, wiewohl dieser ihr gegenüber oft von ungewöhnlicher Strenge und Distanziertheit war. Es schien ihr, dass kein anderes ihrer Geschwister diese Seiten des Vaters so oft zu spüren bekam wie sie. Was war der Grund dafür? Woran erinnerte sie ihn, was rief ihr Anblick in ihm wach, dass er sie so oft und so vehement von sich stoßen musste? War es die große Ähnlichkeit, die Anne-Marie mit der Mutter in deren jugendlichen Jahren hatte? Ihre unbändige Lebensfreude, die ihm abhanden gekommen zu sein schien?

Die Mutter. Anne-Marie stellte sich oft vor, wie sie gewesen sein musste, damals, als junges, freies Mädchen. Von ihr hatte sie die Liebe zu den Pflanzen des Waldes und das Wissen um ihre Heilwirkung. Wenn die Mutter ihre Kräuterkränze steckte, verlor sie sich völlig dabei. Dies waren die einzigen Momente, in denen sich in ihrem Gesicht etwas von der Weichheit abzeichnete, die es in ihrer Jugend besessen haben musste. Manchmal konnte Anne-Marie einen Blick davon erhaschen, wenn sie zufällig und leise den Raum betrat und ihre Mutter mit ihren getrockneten Pflanzen vorfand. Mit welcher Liebe sie jede einzelne davon durch ihre Hände gleiten ließ, bevor sie sie in den Kranz einfügte, ein kleines Wunderwerk der Kunst.

Von ihrer Mutter hatte Anne-Marie auch die schöne Stimme. Sie konnte sich gut an den schwingenden Klang der mütterlichen Stimme erinnern, an die Kinderlieder von Sonne, Mond und Sternen, die sie ihr jeden Abend vorgesungen hatte. Wie viele Jahre waren vergangen, seit sie die Mutter das letzte Mal hatte singen hören? Doch die Gedanken an Mutter und Vater traten nun in den Hintergrund. Für Anne-Marie brach eine neue Zeit an, und sie fühlte, wie ein starker Drang nach Freiheit sie wegzog von ihrem Zuhause, dem Schauplatz ihrer Kindheit.

flower-220935_300Von nun an verging für Anne-Marie kaum eine Stunde, in der Dominiques Bild nicht in ihr aufstieg und sie nicht sehnsuchtsvoll an ihn dachte. Es war wie ein seidenes Band, das um ihr Herz geschlungen war und an dem ihre Gedanken nun sanft zogen, Tag und Nacht. Manchmal war es so stark, dass sie sich wünschte, es würde aufhören und sie wäre wieder frei. Dann mied sie die Gassen der Stadt, in denen sie ihn getroffen, und hielt sich fern von jenem Ort, an dem sie ihm ihr erstes Lächeln geschenkt hatte. Sie verbrachte nun noch mehr Zeit in den Wäldern als je zuvor, und das Alleinsein war ihr Balsam für die Seele. Morgens wachte sie auf und wusste, sie hatte geträumt. Von diesen Träumen war ihr dann aber nichts anderes geblieben als eine vage Traurigkeit. Und wenn sie ihn nun doch einmal sah, dann meist aus größerer Entfernung und in Situationen, in denen eine Annäherung völlig ausgeschlossen gewesen wäre. Als würde ihr Verlangen nach einer Begegnung ihn von ihr fortziehen und noch unnahbarer machen.

Bis zu dem Tag, an dem er plötzlich im Laden stand. Anne-Marie war gerade damit beschäftigt, leere Gewürzbehälter aufzufüllen, als dieser Mann namens Dominique plötzlich durch die Tür trat. Er verharrte kurz, blickte sich um, sah sie. Da lächelte er und trat dann zu ihrem Vater, der den neuen Kunden beflissen nach seinen Wünschen fragte.

Anne-Marie verfolgte die Szenerie wie in einem Wachtraum. Ihre Hände führten weiter automatisch die Arbeit des Befüllens aus, und sie ließ sich äußerlich keinerlei Gemütsregung ansehen. Jemand mit einem geschärften Blick hätte jedoch bemerkt, dass die Augen des Mädchens tiefschwarz geworden waren. Sie hob und senkte ruhig die Augenlider, vermied es, hinüberzustarren zu diesem Mann, dessen Anblick ihren innersten Kern erglühen ließ. Ihr Herz hatte nun endgültig Feuer gefangen und stand in Flammen. Flammen, deren Hitze ihren ganzen Brustkorb erfüllte und von dort weiter hinauf stieg in Hals, Wangen und Schläfen. Selbst ihre Haarwurzeln schienen zu brennen, und Anne-Marie musste sich beherrschen, um nicht die Hand an den Kopf zu führen und zu fühlen, ob es wirklich so war.

Irgendwann verabschiedete er sich wieder und verließ den Laden. Zuvor blickte er sich noch einmal kurz nach Anne-Marie um, und diesmal hielt sie seinem Blick stand. Es war ihr, als tauschten sie eine unausgesprochene Botschaft aus. Dann verschwand er.

Anne-Marie blickte zum Vater, aber der schien von den Flammenspielen nichts bemerkt zu haben. Er war dabei, sich etwas auf ein Stück Papier zu notieren. Also fuhr sie mit ihrer Arbeit fort und ließ dabei etwas ihre Gedanken ziehen, Bilder entstehen. Anne-Marie nahm diese Bilder stets an, ohne sie zu hinterfragen, ohne einen Gedanken über ihre Bedeutung an sie zu verschwenden. Sie sah sie, und wenn sie vorüber waren, legte sie ihre Eindrücke wie in ein kleines Schatzkästchen ab, das verschlossen tief in ihr ruhte. Hegte sie später den Wunsch, die Bilder nochmals zu betrachten, so konnte sie das Kästchen jederzeit willentlich öffnen und auch wieder schließen.

So sah sie nun Fragmente einer karstigen Landschaft, Felsen, und etwas wie eine Höhle. Im nächsten Moment waren da Schemen von Menschen, zusammengekauert saßen sie um ein Feuer. Dann er. Bärtig, längeres Haar, doch unverkennbar er. Diese Augen, dieser helle Blick, und darin ein Schmerz, der ohne Worte war.

Die Bilder verblassten, und Anne-Marie hob den Kopf, fand sich wieder im Hier und Jetzt.

Als kurz darauf der Vater zu ihr trat und sie beauftragte, einige sehr spezielle Kräutermischungen für den Kunden anzufertigen, der soeben den Laden verlassen hatte, war sie nicht erstaunt. Und als er ihr dann auch noch auftrug, die Mischung am selben Tag an eine gewisse Adresse zu liefern, nickte sie nur stumm und fühlte die Botschaft von Dominiques Augen im Moment des Abschieds bestätigt.

Nun wagte sie es, sich unauffällig und knapp bei ihrem Vater zu erkundigen, um wen es sich bei diesem Mann handelte, und sie erfuhr, dass er der Sohn eines reichen Arztes namens Le Mason war. Ein Hugenotte. Es war dieses eine letzte Wort, das ihr nun doch einen Stich versetzte, denn sie wusste, wie sehr ihr strenggläubiger Vater die Hugenotten und ihre in seinen Augen abtrünnigen, ja entarteten Glaubensvorstellungen verachtete.

Die Hugenotten lehnten sich gegen die altehrwürdige Institution der katholischen Kirche auf und hatten sich eine gründliche Reformierung des christlichen Glaubens, wie er vor allem vom höheren Klerus praktiziert wurde, aufs Banner geschrieben. So prangerten sie den verschwenderischen und prunkliebenden Lebensstil der Kirchenmänner an, welcher den im Christentum hochgehaltenen Tugenden wie Armut, Keuschheit und Demut schon lange nicht mehr entsprach. Auch verurteilten sie den Ablasshandel aufs Schärfste, der den einfachen Gläubigen weismachen wollte, sie könnten sich mit Geld von ihren Sünden freikaufen, und je mehr sie zahlten, desto reiner wären dadurch ihre Seelen.

All dies brachte den Hugenotten, wie man die Anhänger des neuen protestantischen Glaubens in Frankreich nannte, viel Schmach, Leid und Verfolgung ein, und der erbitterte Kampf zwischen den Fronten forderte im Laufe der Zeit auf beiden Seiten viele Opfer. Auch versuchte man, die Hugenotten durch Repressalien dazu zu bringen, ihrem Glauben abzuschwören und erschwerte ihnen sein Ausüben auf jede nur erdenkliche Weise bis hin zum völligen Verbot. Zeitweise wurde es zwar wieder ruhiger in diesem Kampf, und die Hugenotten genossen je nach Einstellung des gerade regierenden Monarchen wieder mehr Freiheiten. Der Hass flammte jedoch immer wieder von neuem auf, und die menschenverachtenden Maßnahmen zur Unterdrückung der Hugenotten erlangten in der Regierungszeit Ludwig XIV, des Sonnenkönigs, einen neuen Höhepunkt.

Doch wie sich unschwer erkennen lässt, handelte es sich hier um ein Phänomen, das im Laufe der Geschichte schon unzählige Male in verschiedenen Versionen aufgetreten war und sich auch noch viele Male wiederholen sollte. Die Namen und Jahreszahlen änderten sich, doch die Muster von Hass, Verfolgung und Unterdrückung blieben immer die gleichen.

Nun war es also ein Hugenotte, der Anne-Maries Herz entflammt hatte, und das Mädchen verspürte bereits den Hauch einer Ahnung, dass dies ihr Leben nicht unbedingt einfacher machen würde.

Am späten Nachmittag machte sie sich auf den Weg, ein geschnürtes Päckchen mit den Kräutermischungen unter dem Arm. Die Adresse, die es aufzusuchen galt, lag in einem sehr guten Teil der Stadt. Anne-Marie hatte schon ein paar Mal Waren dorthin zu liefern gehabt, denn ihr Vater verstand es, sich mithilfe einiger außergewöhnlicher und erlesener Spezialitäten selbst bei den hiesigen Reichen einen Namen zu machen. Um nun in dieses Viertel zu gelangen, musste Anne-Marie ein Stück des Wegs am Flussufer entlang nehmen. Von dort aus konnte man, wenn man wollte, einen guten Blick auf ein besonderes Viertel der Stadt werfen, welches als das Kurtisanenviertel oder auch Rotes Viertel bekannt war. Anne-Marie war schon einmal dort gewesen. Eine stadtbekannte Dame hatte bei ihrem Vater einige Flaschen Rosenöl sowie Lavendelseife bestellt. Zwar hätte einer der Bediensteten diese Lieferung ausführen sollen, aber Anne-Marie hatte diesen geschickt abgefangen und die Waren heimlich selbst dorthin getragen. Sie war neugierig gewesen und wollte zu gerne wissen, wie es in diesem Viertel aussah, wo edle Damen lebten, die gegen viel teures Geld ihre Körper an reiche Männer verkauften.

Nun schlenderte Anne-Marie also am Flussufer entlang und tat einen Blick hinüber zum Roten Viertel, betrachtete die teils prunkvoll verzierten und in auffälligen Farben gestrichenen Häuser. Dann jedoch führte der Weg sie über eine belebte Straße hinein in einen anderen Bereich der Stadt, wo das Haus liegen musste, in dem die Kräutermischungen ihres Vaters erwartet wurden.

Am Ende einer kleinen Allee, die an scheinbar ungenutzten Stallungen vorbeiführte, lag schließlich das Haus, ein mehrstöckiges Gebäude mit gewundenem Treppenaufgang. Im Vorgarten stand ein alter Kirschbaum. Anne-Marie verharrte kurz, und das Herz klopfte ihr bis zum Halse, als sie den kalten Türring am Dienstboteneingang in ihre Hand nahm und anklopfte. Eine ältere Frau öffnete, die dem Mädchen nach ein paar erklärenden Worten die Waren abnahm und sie bezahlte. Dann schloss sich die Türe wieder, und Anne-Marie trat langsam ein paar Schritte zurück. Dominique Le Mason, dachte sie, wo bist du?

Rund ums Haus war kein Mensch zu sehen, und so zog sie ihr wollenes Schultertuch etwas fester um sich und machte sich auf den Rückweg. Betrat die Allee und ließ den Blick von unten hinauf in die uralten Linden schweifen. Es begann langsam zu dämmern, ein zartrotes Spätnachmittagslicht verströmte sich über die Landschaft und ließ sie wärmer erscheinen, als sie war. Der Frühling kündigte sich bereits an, da und dort zeigten sich an den Sträuchern die ersten Blattspitzen, aber es war immer noch kühl.

Als Anne-Marie kurz vor dem Ende der Allee den Kopf seitwärts wandte, erblickte sie Dominique. Er stand im Eingangsbereich der Stallungen und war dabei, eine braune Stute zu satteln und aufzuzäumen. Anne-Marie näherte sich langsam, da hielt er inne und wandte sich um.

„Gott zum Gruße“, sagte er und lächelte sie dabei so herausfordernd und offen an, dass ihr schier die Luft wegblieb.

Sie vergaß ihn wieder zu grüßen und trat näher. Das Pferd wieherte leise und tänzelte unruhig auf der Stelle. Die dunklen Augen des Tiers waren auf das Mädchen gerichtet und schienen einen Zugang zu dieser Menschenseele zu suchen. Vor Anne-Maries innerem Auge tat sich plötzlich ein Bild auf. Dominique, wie er auf einem hohen Rappen saß und auf sie herabblickte. Ein schwarzer Umhang fiel hinter ihm herab, und auf seinem ebenfalls schwarzen Brustharnisch prangte ein gleichschenkliges weißes Kreuz. Der Rappen setzte sich in Bewegung, und im Vorbeireiten wandte er sich ein letztes Mal nach ihr um. Dann verblasste das Bild.

„Morgane hat Interesse an dir“, hörte sie Dominiques Stimme, und nun war sie wieder ganz da, sah in sein lachendes Gesicht.

„Sie hat wundervolle Augen“, entgegnete Anne-Marie und strich mit ausgestreckter Hand über die weichen Nüstern der Stute. Da schnaubte sie leise und stand wieder still. Anne-Marie ließ die Hand sinken und wandte den schwarzglänzenden Blick auf Dominique, der diesen schweigend erwiderte.

„Es beginnt zu dämmern. Darf ich dich ein Stück Wegs nach Hause begleiten? Ich habe ohnehin etwas in der Stadt zu erledigen“, fragte er schließlich.

„Sehr gern“, erwiderte Anne-Marie ohne zu zögern, und so setzten sie sich Seite an Seite in Bewegung, während er das Pferd am Halfter neben sich herführte.

Sie gingen langsam und schweigend, nahmen wahr, wie sich der Abendhimmel veränderte und ein verklärendes Licht sich über alles um sie herum legte. Sie spürten sowohl die Nähe zueinander als auch eine endlose, wohltuende Weite, die sich zwischen ihnen ausdehnte. Es war nicht nötig zu sprechen, nur ein Blick musste gelegentlich ausgetauscht werden, ein Lächeln oder ein Wink mit den Augen. Das Feuer in Anne-Maries Mitte brannte warm und ruhig, und die kleinen flackernden Flammen umfingen ihr Herz sanft, streichelten es. Sie gelangten an den Fluss und nahmen eine Abzweigung hinunter zu seinen Ufern. Dominique kniete sich auf die Kiesel, und Anne-Marie ließ sich neben ihm nieder. Sie wusste, es war spät, die Mutter würde zürnen, aber das war ihr gleichgültig.

Das grüne Wasser floss glatt und ruhig vorbei, und nichts kräuselte seine makellose Oberfläche. Ein paar Wasservögel kamen aus dem Schilf hervor und ließen sich an den beiden Menschen vorbeitreiben. Taten so, als wären sie auf Futtersuche, obwohl sie doch in Wirklichkeit einfach nur neugierig waren. Die immer tiefer stehende Sonne zauberte eine schillernde Silberschicht auf das Wasser, die die Augen blendete. Und als die Sonne schließlich mit dem Horizont verschmolz und ihre Farben auf ihm ausgoss, neigten sich die beiden Liebenden einander zu und küssten sich. Es war ein Moment, der in die Ewigkeit eintauchte.

Als ihre Lippen sich berührten, war es Anne-Marie, als öffne sich eine Rosenknospe in ihrer Brust. Diese Knospe stand inmitten ihres Herzensfeuers, wurde von diesem gespeist und doch nicht verzehrt. Sie meinte sogar einen Hauch von Rosenduft zu verspüren und hielt die Augen weiterhin geschlossen, um ihn nicht zu verlieren. Dann nahm sie wortlos Dominiques rechte Hand, drückte sie an ihr Herz und fühlte einen kraftvollen Strom von Licht zu ihm hinüberfließen.