Ich weiß, dass es einmal eine Zeit gab, als alle Frauen ein Paar purpurfarbener Flügel besaßen. Sie hüteten diese Flügel wie ein Heiligtum, verwahrten sie sorgsam in ihren Brauttruhen zwischen Bahnen aus wilder Seide und anderen köstlichen Stoffen. Die Federn der Flügel waren so schimmernd glatt und fein, dass sie sich anfühlten wie ein gehauchter Engelskuss, wenn sie die Haut streiften. Das Purpur der Flügel war tiefdunkel und erinnerte an die Farbe von Wüstenschatten. Man sagte, es wären wohl tatsächlich Engelsfedern, aus denen die Flügel gemacht waren, und dass es hundert Jahre dauerte, um nur ein einziges Paar davon herzustellen. Dennoch besaßen zu jener Zeit alle Frauen ein solch kostbares Flügelpaar, einer Zeit, die schon unendlich lange vorbei und vergessen ist. Wenn man den Erzählungen Glauben schenken kann, war dies das Zeitalter, in dem das Paradies auf Erden weilte.

Die purpurnen Flügel wurden von den Müttern an ihre Töchter weitergereicht, und von diesen wiederum an die Töchter. Die Magie, die die Flügel umgab und die auf geheimnisvolle Weise in sie eingewoben war, wurde nur von Frau zu Frau weitergegeben, und niemals wurde ein Mann in den machtvollen Zauber eingeweiht, den die Flügel ihren Trägerinnen verliehen. Doch gereichte dies den Männern nicht zum Nachteil, denn die Frauen liebten ihre Gefährten, und es waren nicht zuletzt diese selbst, die von Kraft und Wissen der Flügelfrauen zehren konnten. Wenn ein Mann eine Frau zum Weib nahm, dann in dem seligen Wissen, dass diese ein purpurnes Flügelpaar in die Ehe mit einbrachte, und dass ihm und seinen Nachkommen unendlicher Segen daraus erwachsen würde. Er wusste, die Frau würde die ihr verliehene Macht der Flügel stets zum Wohle der Familie einsetzen, und er würdigte das damit verbundene Mysterium.  (…)

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Feuer, Erde, Wind & Meer

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