Auszug aus der Villa Paradiso

Auszug aus der Villa Paradiso

Vom Ende eines Lebenstraumes

In der Villa hing schon längstens der Haussegen schief, denn Adam und Eva zankten sich über Nichtigkeiten. Sie war genervt von seinen Marotten, er von den ihren. Dabei hätte alles so schön sein können, so nett! Sie hatten es sich richtig toll eingerichtet in ihrer Villa Paradiso, mit Komfort, Design und Pipapo. Alles war cosy, alles war bis ins Detail durchgestylt und es sollte fürs Leben sein – für ein ganz, ganz besonders glückliches Leben und ein ewiges.

Eva saß vor dem Terrarium der Hausschlange und beobachtete diese bei ihrem Häutungs-prozess. Stück für Stück kroch das Tier aus seinem alten Kleid. Und plötzlich fiel es Eva wie Schlangenschuppen vor den Augen: Sie selbst war auch herausgewachsen aus ihrem alten Leben. Aus diesem Leben in der perfekten Villa Paradiso, mit Adam, dem perfekten Mann. Sie langweilte sich zu Tode!

Eva war einem gewaltigen Trugschluss aufgesessen. Sie hatte tatsächlich geglaubt, sie beide könnten sich in ihrer Villa Paradiso lebenslang einigeln und ihren weiß-rot-goldenen Liebes-traum zelebrieren. Dabei hatte sie ihn so sehr gewollt, diesen schicken Traum: Es sich mit Adam zwischen Marmor, Glas und Plüsch gemütlich machen und für alle Zeiten happy Honeymoon feiern. Pustekuchen!

Eva spürte es deutlicher denn je, wie sehr sie sich nach Veränderung sehnte. Nach neuen Begegnungen, nach Echtheit, nach allem, Hauptsache, es war anders. Sie wollte entdecken, ausprobieren, endlich wieder Fehler machen und ihre Grenzen erforschen dürfen. Sie wollte Lebendigkeit und alle Farben der Palette auf ihrer Lebensleinwand, nicht nur ein paar davon. Eva hatte die sterile Perfektion der Villa Paradiso sowas von satt! Und das war noch nicht alles. Sie konnte auch Adams Anspannung spüren. Er war ein Mann, ein Macho, ein Eroberer! Er sehnte sich raus aus dem künstlich und dekorativ angelegten Gärtchen der Villa, zurück in die Wildnis. Er wollte endlich wieder auf freiem Terrain seine Manneskraft erproben, ja, dessen war sie sich sicher! Wollte sich im Dreck wälzen und Äcker umpflügen, Bäume pflanzen und mit dem Boot zum Fischfang ausziehen! Raus, hinaus wollte er, das pralle Leben und die rauen Gezeiten spüren. Und sich selbst.

Das war es, was die Schlange Eva zeigte. Ein Weilchen verstrich noch, dann schlug die Uhr zwölf und Eva zuckte zusammen. Sie stand entschlossen auf, um ihre Koffer zu packen.

www.wortmalereien.com

Bild: Theresa Hültner, Acryl auf Leinwand, 140×100 cm – Foto vom Bild: Christoph Daab
Bildinterpretation aus dem Projekt „Malerei & Wortkunst in traumhafter Symbiose“
Malerei & Wortkunst in traumhafter Symbiose

Theresa Hültner und Andrea E. Maier

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar